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Wieder in Österreich

Noch einmal den Rucksack packen und schultern, wie schnell das geht! Hab den Wecker nach alter „Daheimgewohnheit“ gestellt und war viel zu früh fertig. Ich hoffe, dass mir auch diese Gabe bleibt. So mußte ich zwar auf das Taxi warten, aber ich konnte noch einmal den Nachthimmel in Santiago genießen. Es ist immer wieder lustig zu sehen wenn hilfreiche Menschen dir den Rucksack abnehmen, denn irgendwie wissen die meisten nicht wie man das Ding richtig stemmt und anpackt. Doch der Taxifahrer in Santiago hat mich überrascht. So selbstverständlich als würde er mir in den Mantel helfen, hat er mir den Rucksack zum „Hineinschlüpfen“ hingehalten. Am Flughafen gab es dann Wiedersehen und Abschied von einigen Pilgerfreunden die auch nach Hause reisen. Es hat gut getan die Erfahrungen der letzten Tage nochmals auszutauschen.

Immer wieder denke ich an meine Familie, die mich so toll unterstützt hat, allen voran Sepp. Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft, obwohl er von diesem „Splen“ anfangs nicht so begeistert war. Er hat ja schon viele meiner Ideen und Projekte ertragen müssen und sein Spruch „tat’s wos woits, es tat’s sowieso wos woits“ ist ein geflügeltes Wort in unsere Familie. Doch bei diesem Projekt Camino ist er nicht nur hineingewachsen, sondern über sich hinaus gewachsen und hat uns, und ich glaube auch sich selbst, überrascht. Dieser Jakobsweg hat uns beide (und viele andere) ergriffen und auf einen Weg geführt den wir nie hätten planen oder machen können. Gottes Segen hat uns überstrahlt. Gerade in diesem Augenblick läuft mir ein Schauer über den Rücken, denn mir fällt erst jetzt etwas auf: Seit vielen Jahren hängt ein Bild zu Hause am Gang mit drei goldenen L’s die für die Worte „lieben leben lernen“ stehen. Ich hab gerade nach Worten gesucht die beschreiben was die Essenz der Veränderung in unserer Beziehung ist und ich habe an diese drei Worte gedacht und würde es um das Wort „lachen“ ergänzen, denn die Lebensfreude möchte ich öfters spüren. Ist das nicht schön wenn sich der Kreis schließt und eine höhere Dimension dessen erreicht wird. Ich bin so dankbar dafür und wünsche mir, dass es uns gelingt recht viel davon in den Alltag hinüber zu retten.

Doch auch für unsere Söhne und ihre großartigen Partnerinnen hat sich was verändert. Die Rollen wurden neu verteilt was auch uns als Eltern betrifft. Aus der Rolle der Kinder vollständig herausgetreten managen sie ihr Leben als junge lebenstüchtige Männer. Jeder auf seine Weise hat seine Identiät gefunden um sein eigenständiges Leben zu leben und das macht mich sehr stolz. Mir ist gar nicht bange denn ich weiß, dass sie das Herz am rechten Fleck haben. Sie werden hoffentlich Fehler machen um daraus lernen zu können, aber sie sind stark genug um Herausforderungen zu meistern – das haben sie bewiesen! Ja, das macht mich sehr, sehr stolz und jetzt wird es Zeit, dass ich sie wieder umarmen kann.

Aufgeregt wie ein Teenager sitze ich nun wo ich diese Zeilen schreibe im Flieger und erlebe einen wunderbaren Sonnenaufgang über den Wolken. Ich glaube ich hab noch nie in meinem Leben die Sonne aus den Wolken auftauchen sehen – ein schönes Abschiedsgeschenk vom Camino! Das Umsteigen funktioniert super und das am Flugsteig wieder alle deutsch, wienerisch und österreichisch reden fühlt sich erst einmal komisch an. Dann der Flug über Spanien und Frankreich – die Pyrenäen waren gut zu erkennen. Da liegt noch Schnee! Da bin ich drüber, durch und herumgegangen! Ganz viele Bilder tauchen im Kopf auf. Erst jetzt bei diesem Anblick kommt so ein Gefühl von Stolz auf das Geleistete auf, das habe ich bisher nicht so empfunden. Da unten wohnen so viele Menschen die mich aufgenommenmmen oder mir weitergeholfen haben. Ich bitte um reichen Segen für alle diese HelferInnen am Weg.

Immer noch flattern viele Mails und SMS herein von Menschen die sich mit mir freuen. Danke euch allen, denn über jede einzelne freue ich mich sehr, auch wenn ich mich nicht gleich bedanke. Ich werde mir die Zeit nehmen um mich bei jedem zu melden aber das kann dauern, denn es soll kein Standartsatz sein der euch erreicht. Ich will das Gefühl, euch so nahe zu haben, auskosten denn das hilft mir gut anzukommen und die Kraft der Caminoerfahrung mitzunehmen. Der letzte Staub ist abgewaschen, der Stein abgelegt, die Wünsche und Anliegen dem Hl. Jakob in Santiago übergeben. Neue eingekleidet und mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen kehre ich zurück nach Österreich. Die Sonja die vor 4 Monaten zu Hause weggegangen ist, ist vielleicht nicht mehr ganz die selbe. Ich weiß es nicht genau was alles anders sein wird, aber ich hab gelernt Vertrauen zu haben. Der Weg wird mir zeigen was jetzt dran ist – den Jakobsweg ist dort wo du ihn gehen willst. Hast du einmal dieses Lebensgefühl kennengelernt, so kannst du dich entscheiden ob und wo du ihn gehst. Nur wer weggeht kann auch ankommen!

Ist mein jakobsweg nun zu Ende wenn ich in Österreich ankomme oder war er schon in Santiago zu Ende? Geht er erst dann zu Ende wenn ich bis ans Ende der Welt gegangen bin oder sobald ich wieder in meinem Bett schlafe? Oder geht er einfach einen neuen Abschnitt weiter wenn ich daheim bin? Wer kann mir das sagen, denn ich weiß es nicht?

In der Luft zwischen Santiago und Wien, Mittwoch der 12.8.2015