image

Wasser von allen Seiten

Seit zwei Tagen sind wir nun schon mutig gegen Regen und Wind Richtung Westen gezogen. Das Wetter ist so wie Sepp es sich gewünscht hat. Ins schwitzen sind wir bisher noch nicht gekommen.

Der Weg durch Galizien erinnert mich an mein geliebtes Waldviertel: große, moosüberwachsene Granitblöcke liegen in der Gegend herum, dazwischen wunderschöne, idyllische Bäche und jede Menge nette Menschen. Ich bin immer noch begeistert von der Spezies „Pilger“. Dieser besondere Menschenschlag berührt mein Herz immer wieder. Es sind Menschen die neugierig aufs Leben sind, immer an einem Abenteuer interessiert, offen für Überraschungen und bereit das Schöne des Augenblicks zu erkennen. Der offene Blick der in den Augen leuchtet wenn man einander wiedererkennt bereitet Freude. Die Unvoreingenommenheit macht jede Begegnung einfach. Man vertraut einander, gibt aufeinander acht ohne sich einzuengen. Der Rucksack des anderen bleibt nie unbeobachtet, der Gesichtsausdruck des Gegenübers nicht ungeachtet. Trotzdem hält man sich zurück, gibt keine ungefragten Ratschläge und läßt den komischen Kautz am Nebentisch seine Freude. Ganz besonders freue ich mich über ehrliche, freundliche Grüße der Einheimischen, die hinter Dantiago wieder häufiger zu bekommen sind als auf den überlaufenen 100 km vor Santiago. Egal welche Sprache du sprichst, sie erklären dir den Weg so lange und wortreich bis es auch ein blinder Taubstummer versteht.

Aber es gibt auch Dinge die ich fast vergessen, verdrängt habe: der viel zu laute Fernseher der mich in fast jeder Bar anbrüllt; die versperrten Kirchen (wen oder was möchte man hier aus- oder einsperren?); die kleinen Müllhalde neben dem Weg – auch diese Seite von Spanien gibt es am Jakobsweg. In manchen Dörfern riecht man die Armut aus jeder Ritze.

Gestern haben wir 27 km und viele Liter Regenwasser bezwungen. Die Ausrüstung hat dicht gehalten. Trockene Füße nach so einem Marsch sind ein Segen. Immer wieder ziehe ich in Gedanken den Hut vor jenen Menschen die schon vor hunderten Jahren ohne Goretex und Hightech-Sportbekleidung diesen Weg geschafft haben. Unvorstellbar der Geruch nach so einem Tag in den Herbergen. Damals wie heute sind wir Pilger dankbar für eine heiße, gute Suppe, für ein warmes Bett, heißes Wasser und ein Lächeln der Gastfreundschaft. Das laute Geschnatter und Stimmengewirr in der Alberge ist Balsam auf der Seele – heute wie damals!

Der Weg heute hat uns durch blühende Ginsterfelder geführt. Es sind doch mehr Pilger unterwegs als ich gedacht habe. Wir haben soviel Zeit, dass wir noch einen Zwischenstopp einlegen. Aber wir sind am Atlantik angekommen. Als wir den Berg herunterkommen kommt und der Regen waagrecht entgegen – Leute hier bläst ein Wind, das ist richtig anstrengend gerade zu gehen. Als wir unser Zimmer bezogen haben kommt die Sonne heraus. Heute ist Muttertag und ich freu mich über die Bilder und Worte die aus meinem Handy purzeln, als ich ins WLAN einsteige. Schon der zweite Muttertag in Folge an dem ich am Jakobsweg unterwegs bin. Aber nächstes Jahr hätte ich dann bitte wieder gerne Frühstück daheim😘.

In dem Moment wo ich diese Zeilen schreibe sitze ich in einer Bar, direkt unter einem der beiden Fernseher und bin die einzige mit dieser Blickrichtung. 16 Augen sind auf das Fußballmatch hinter-ober mir gerichtet, alt und jung, drei Männer und fünf sehr kritische Frauen älteren Semesters fiebern mit, mit Ronaldo und Co, schimpfen und geben Ratschläge und sind von meinem unbeteiligten getippsle in mein Handy völlig irritiert. Nur das junge Mädchen lächelt mir zwischen Kakao und Kipferl zu.

Mit Sepp zu gehen eröffnet mir wirklich neue Welten. Was er so alles sieht und bemerkt ist bisher am Weg ungeachtet geblieben: was ist das da vorne für eine Fabrik, warum bauen die ihre Häuser so, was ist das wohl unter der Folie, der Wasserzähler auf der Straße ist auch praktisch, die EU-Förderung wird auch hier verbraten, …. Da werden Klischees bedient und Fragen gestellt, auf die würde ich mein Leben lang nie kommen. Wie ein kleiner Junge läuft er neben mir her und plappert die ganz Zeit – was ihm alles auffällt und beschäftigt würde mir den Kopf niemals schwer machen. Gut, dass wir so verschieden sind – so bleibt es auch nach 28 Jahren Gemeinsamkeit noch spannend.

Spanien, Cée, 27km gestern und 22km+5km zu einem ausgezeichneten Fischlokal, dass heute geschlossen hat 😩