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Was bleibt?

Die 6 jungen Menschen aus Italien, die ich mir gestern eingekocht habe, hab ich heute immer wieder getroffen. Wenn sie schon in der Bar beim Kaffee waren und ich angedampft kam sprangen sie auf und begrüßten mich mit ihrem Geschrei „Tschauuu Maamaaa“. So hatten wir die Lacher auf unsere Seite und alberten immer wieder herum. Das Lachen und laute Palavern dieser jungen Menschen erfrischt und tut gut. Da ist es dann auch nur halb so schlimm wenn wir in der 1000 Seelengemeinde mit rund 180 Betten nirgends mehr untergekommen sind. Wie die aufgescheuchten Hühner sind wir herumgelaufen und haben uns hinter jeder Straßenecke (soviele waren es ja nicht) wild gestikulierend zugerufen. Ich bin dann doch noch ein paar Kilometer bis ins nächste Dorf gegangen und bin hier in einer ökologischen Herberge mit köstlichem veganen Essen und Hängematten im Garten gelandet. Wunderschön und immer wieder etwas Neues.

Tja neu war mir heute so einiges am Weg. Es lag heute der Weg auf den letzte richtige Berg vor Santiago vor mir. Es war grandios die letzten Höhenmeter im dunklen zu erklimmen um dann den Sonnenaufgang dort oben zu genießen und den Blick nach Osten zu richten, dorthin wo ich herkomme. Wie hilfreich ist es da den Blick genießen zu können weil die körperliche Anstrengung das zuläßt. Viele hier am Weg sind erst die ersten Tage unterwegs und so von ihren körperlichen Strapazen in Anspruch genommen, dass sie kaum diese Schönheit warnehmen können, die Freude nicht spüren und die Einmaligkeit des Augenblickes übersehen. Wie schade! Wie auch im Leben gehen viele den selben Weg und doch ist es nicht der gleiche. Auf Reisen zu gehen um den Blick zu weiten und unsere Körper und Geist zu trainieren verändert unsere Sichtweise und hilft uns die Situation des Augenblickes umfassender und entspannter zu erkennen. Ich habe ganz oft zurück geblickt dorthin wo ich herkomme und dorthin wo ich bald wieder zurück kehren werde. Ich frage mich ob das immer so ist bevor man ein großes Ziel erreicht? Lehren mich das nicht auch die Menschen die wir hospizlich begleiten dürfen?

Es hat viele Vorteile schon lange auf dem Weg zu sein. Z.B. ist man viel gelassener und kommt leichter auch mit schlechten Situationen zurecht weil man gelernt hat, dass die nächste Herberge wieder schöner ist, die nächste Bar wieder besseren Kaffee serviert, usw. und spart sich das Schimpfen. Meine Wanderschuhe wo die Sohle schon ganz dünn ist und die Nähte schon aufgehen machen mir nun keine Sorgen mehr. Ich kaufe mir sicher keine neuen mehr, bis Santiago werden sie schon noch halten, neue Schuhe zahlen sich nicht mehr aus. Hab ich das nicht auch schon von vielen alten Menschen gehört – da muss ich schon über mich schmunzeln. Als ich gestern beim Frühstück meine beiden Reiseführer liegengelassen habe wollte ich sie eigentlich nicht mehr holen. Brauche ich sie wirklich noch? Ich finde doch auch so zum Ziel? Ich habe sie aber aus Sammelleidenschaft dann doch geholt, weil ich darin meine Notizen gemacht habe.

Wenn ich heute am Berg zurück geblickt habe, dann kam es mir wie ein Lebensrückblick vor. Ein reiches, sattes Leben mit Höhen und Tiefen. Nebelschwaden verdecken manche Täler. Dahinter weiß ich um die abgeernteten Weizenfelder, manche öde Strecken durch langweilige Wegabschnitte aber auch abwechslungsreiche und überraschende Landschaften. Das alles dürfte ich schon durchschreiten bei viel Sonne, aber auch bei Wind und Regen. Ich habe mich über weite Strecken sehr geborgen gefühlt. Oft war da eine helfende Hand und die Gewissheit, dass es der liebe Gott gut mit mir meint, wie immer in meinem Leben. Ab und zu habe ich mich alleine gefühlt und war froh um meine Familie und Freunde die auf mich warten und auf die ich vertrauen kann, die mir die Sicherheit für all das geben.

In der Kirche von Cebreiro, einem sehr bedeutenden Ort am Weg, hatte ich eine besondere Erfahrung gemacht. Die Kirche ist dem Hl. Franziskus geweiht der mich als Jugendliche schon sehr berührt hat. Als ich dort eine Kerze entzündet habe war sie mit einem Mal da die große Angst: „Was bleibt von diesem Weg?“ Die Intensität hat mich total überrascht und so habe ich erst mal meinen Rucksack umarmt und hab die Tränen fließen lassen. Ich hab in meinem Leben bisher gelernt, dass es sowieso nicht hilft sie hinunter zu würgen sondern besser wird wenn ich durchgehe. In der Kirche liegen Bibeln in allen Sprachen auf und als ich die deutsche Fassung fand war dort der Psalm aufgeschlagen den ich so sehr mag: der Herr ist mein Hirte…. Na bitte, ist das nicht ein schöner Zufall?

Mit der Frage „Was bleibt vom Weg?“ habe ich mich dann den Rest des Tages viel beschäftigt. Der Weg führte am Nachmittag fast den ganzen Tag am Bergrücken entlang und Sicht ins Tal war frei, die Wolken verzogen sich und der Blick in die Ferne klärte sich.

Was soll bleiben? (Die poetischen Punkte)

  • Die Dankbarkeit für jeden neuen Tag
  • Die gewachsene Tiefe der Beziehungsqualität
  • Die Freiheit selbst entscheiden zu können wohin der nächste Schritt führt
  • Die Gabe der geschärften Warnehmung
  • Die Fähigkeit die Dinge sehr rasch und klar zu erfassen
  • Die Ordnung der Gedanken
  • Die Offenheit und Ehrlichkeit in den Begegnungen
  • Die Fähigkeit an die eigenen Grenzen der Leistungsfähigkeit zu gehen ohne sie zu überschreiten
  • Die Freude daran sich vom Leben berühren zu lassen

… und das große Vertrauen in Gott und das Leben!

Was soll bleiben? (Die handfesten Dinge)

  • Die Entspanntheit die sich in meinem Gesicht zeigt
  • Das Wohlfühlen in diesem Körper, wo ich mich gesund und stark fühle

Und was soll werden?

  • Ich will mehr lachen und der Freude mehr Ausdruck geben
  • Meinem Körper Gutes tun
  • Die Dinge beim Namen nennen

Diese persönliche Liste ist noch lange nicht fertig, doch ohne die Angst hätte ich sie gar nicht begonnen. Der Wunsch einen Zustand der uns gefällt festhalten zu wollen ist wahrscheinlich nicht nur mir vertraut. Das Gute am alt werden ist, dass man auf Erfahrungen zurück greifen kann, wo und wie etwas gelungen ist. Also wird auch diesmal aus der Angst etwas Neues wachsen, sich wandeln um gut zu werden.

ESP A Balsa (Triacastela), Dienstag der 4.8.2015, 33 km