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Unwirklich

Der Tag heute war total wechselhaft – das Wetter und die Stimmung. Am Morgen ging es gleich mal los indem meine Stirnlampe finster blieb. „Na geh, gestern ist sie noch gegangen.“ ein geflügeltes Wort in meiner Herkunftsfamilie. Jetzt kaufe ich sicher keine Batterie mehr. Weit vorne war ein Licht an dem ich mich orientieren konnte. Wäre der Weg zu schwierig geworden hätte ich mich zurückfallen lassen, denn es wäre sicher jemand gekommen der mich im Schein seiner oder ihrer Lampe mitgenommen hätte. Ist doch fantastisch, dass so viele hier unterwegs sind! Ob ihr es glaubt oder nicht aber ich hab heute Morgen trotz Jacke richtig gefroren.

Ein Satz stand heute wie in großen Buchstaben geschrieben vor meinem inneren Auge „alles zu groß“. Ich fürchte wenn ich nach Hause komme ist mir alles zu groß (und damit meine ich nicht nur meine Kleidung). Meine Welt war trotz der vielen zurückgelegten Kilometer doch sehr überschaubar und klein. Alles was zum glücklichsein nötig war hatte leicht in meinem Rucksack Platz. Ich könnte mich mit einem Messer und einem Löffel hervorragend ernähren. Was mach ich daheim mit einer riesigen angestopften Küche? (da seh ich meinen Mann hinter dem Bildschirm hervorgrinsen wenn er das liest, denn das hat er mir ja schon immer gesagt) Mein Umfeld daheim erscheint mir heute zu groß: ein riesen Haus mit unendlich vielen Dingen, ein Kleiderschrank mit viel zu vielen Teilen, usw. In den letzten 4 Monaten hat sich mein Leben auf das Wesentliche reduziert und es ist so entspannend und wohltuend. Um diese Qualität mitnehmen zu können versuche ich mich heute und die nächsten Tage gut zu fokussieren auf Kleinigkeiten, das Besondere, das Schöne. Als ich das soeben geschriebene heute Morgen ins Handy diktiert habe ist gerade der erste Sonnenstrahl auf den Weg gefallen. Ich glaube ich kann nur das gut be-greifen was auch in meiner Reichweite ist. Ist etwas außerhalb meiner Reichweite kann ich mich entscheiden mich darauf zuzubewegen um es begreifen zu können oder eben nicht. Diese Freiheit habe ich allemal und es erleichtert mir meinem eigenem Anspruch zu genügen.

Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Taxis gesehen wie hier. Ständig fahren Sie hin und her um müde Pilger an ihr Tagesziel zu bringen. Lustig finde ich, dass die Autos alle verdunkelte Scheiben haben damit man nicht sieht wer fährt. Viele sind mit dem Rad unterwegs, manche sehr rücksichtsvoll andere weniger.

Ich habe gestern ein für mich sehr schönes Ritual begonnen. Angeregt durch die Kilometersteine die uns Pilgern anzeigen wie weit es noch bis Santiago ist, versuche ich seit Kilometer 48, so alt bin ich gerade, mein Leben rückwärts zu erinnern und zu reflektieren. Jeder Kilometer ein Jahr in meinem Leben. Die drei Farne die durch ein besonderes Stoffband zusammengehalten werden sind mein persönliches Symbol, dass ich dort abgelegt habe. Gar nicht so einfach das chronologisch hinzubekommen, denn die Geschichten fallen mir nur kreuz und quer ein. Was waren Meilensteine und was und wen möchte ich bedanken? Daraus entstand die Idee das einmal in einem Büchlein zusammen zufassen. Daraus könnte ich meinen Enkeln und Urenkeln vorlesen und sollte ich einmal Dement werden, dann können Sie mir daraus vorlesen (oder auch ehrenamtliche MitarbeiterInnen im Pflegeheim oder vom Hospizteam (;-)).

In den letzten Monaten ist ein ganz persönliches Rosenkranzgebet entstanden das ich sehr gerne bete. An einer Stelle die ich sehr mag heißt es „…Jesus, der mich geborgen in seiner Hand trägt“. Als ich heute an diese Stelle kam war vor mir kurz aber wunderschön, halbrund ein Regenbogen zu sehen – wie schön ist das denn?

Einerseits waren die 36 km heute sehr schnell und leicht heruntergespult. Entgegen dieser Tatsache haben sich die letzten 5 km sehr gezogen. Es war als hätte ich alles Schwere, die Last, alle Anstrengung dieser 3000 km mit einem mal gespürt. Ich hatte das Gefühl zu taumeln und mußte mich extrem konzentrieren und anstrengen. In einem Buch ist eine Stelle an der zwei Bäche zusammenkommen beschrieben an der die Pilger früher Halt machten um sich noch einmal zu reinigen bevor sie in Santiago einzigen. Dort machte ich eine lange Rast und hab gedanklich alles Schwere mit dem Wasser weggeschickt. Danach ging es wieder gut weiter und ich kam bald am Monte Gozo an. Von hier aus hat man einen ersten Blick auf die Stadt Santiago.

In der riesigen Herberge mit 400 Betten ist es laut und man spürt die freudige Erwartung der vielen Menschen. Es wird gesungen und gefeiert. Die letzte Herberge auf meinem Weg, denn in Santiago leiste ich mir für die letzten Tage ein Hotel. Ich habe entschieden diesmal nicht nach Finisterre hinauszugehen obwohl ich das vorhatte. Es ist weit genug für mich bis Santiago de Compostela zu gehen. Im nächsten Jahr möchte ich gerne wiederkommen um den Weg von Santiago über Finisterre bis Muxia zu gehen. Vielleicht begleitet mich ja da auch Sepp…

Morgen ist er also da der große Tag ….

ESP Monte de Gozo, Samstag 8.8.2015,  36 km