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Tiefgang und Lebensfreude

Der Tag begann verblüffend ausgeruht und zeitig, denn hier steh sogar ich zeitig auf weil die Mitpilger rascheln, wuseln, scheppern und flüstern. Nach drei Tagen geht wieder alles so automatisch wie vor zwei Jahren. Jeder Handgriff sitzt.

Gestern war ich schon recht müde und hab ganz vergessen euch von dieser wunderbare Kirche in Barcelos zu erzählen. Seht euch die Fotos genau an – lauter Blütenblätter – fantastisch sah das aus. Komischerweise wiederholen sich manche Geschichten und Symbolhandlungen auf verschiedenen Caminos. So beansprucht man hier dieselbe Legende vom Hahn wie in St. Domingo in Spanien. Morgen kommt dann ein Berg wo die Menschen Ihre mitgebrachten Steine ablegen – diesmal hab ich nur einen von hier – wofür hab ich noch nicht entschieden.

Der Weg heute war wunderschön romantisch und alles blüht und sprießt. Die Eukalyptuswälder duften um die Wette mit wildem Jasmin und Ginster. Was wir daheim mühsam in Töpfen ziehen wächst hier wie Unkraut: Margaritenbüsche neben Callas, Rosen, Papageienblumen, Teufelskralle uvm. Heute sah ich jemanden die erste Heuernte einbringen. Grandios und soooo anstrengend, denn andauernd bleibe ich stehen um zu fotografieren.

Seit gestern sind viele Pilger aus nicht deutschsprachigen Ländern am gleichen Weg unterwegs. Ich hab mich mit Pilgern aus Kanada ebenso unterhalten wie mit Portugiesen. Aber nach wie vor sind Pilger aus Deutschland in der Überzahl. Das verführt mich wieder mehr in die Rolle der Zuhörerin. Ich gebe nur wenig von mir Preis, frage nach und weigere mich konsequent Pilgerratschläge zu geben. Meine Überzeugung ist, dass jeder am Weg genau dem begegnet was gerade entscheidend ist. Liebenswerte Plaudertaschen wandern gemeinsam und versuchen ihre Gedanken zu ordnen. Dafür ist der Camino wie geschaffen. Ich freu mich, dass es mir heute gelungen ist an meinen Gedankenfluss anzuschließen. Das hat ein paar Tage länger gebraucht als erwartet aber nun freue ich mich wieder über die viel klarere Wahrnehmung als es mir anderswo möglich ist. Tiefgang und Lebensfreude liegen am Camino so nahe beisammen!

Heute waren mir viele liebe verstorbene Menschen so nahe. Am laufenden Band sah ich Dinge die auch meiner Oma und meiner Mama aufgefallen wären. Ich sah Menschen die mich an Erlebnisse mit Verstorbenen erinnerten. Da war wieder diese tiefe Dankbarkeit für alles das was mich diese Menschen gelehrt haben und für die Erinnerung. Die Gedanken fließen leichter wenn ich dazu meine Lieblingsmusik höre (da gehen übrigens auch die Füße schneller!). Ich bin mit den Ohrstöpseln unterwegs als mich ein alter Mann (geschätzte 85 Jahre mit exakt 2 Zähnen im Mund) auf portugiesisch anspricht – mit Händen und Füßen sage ich woher ich komme. „Mozart?“ – nein Konstantin Wecker mit Questa Nuova Realta – ich leih ihm einen Ohrstöpsel und er grinst von einem Ohr zum andern – deutet eine Verbeugung an – schnappt mich und tanzt ein paar Schritte mit mir auf der Straße – verbeugt sich wieder und lacht aus vollem Halse. Das Foto verweigert er und deutet auf seine Zähne!

Tja, das ist pures Leben!

Heute könne ich mir ein Hotelzimmer ganz für mich allein. Die richtig alten Pilgerherbergen sind heute alle Luxushotels – irgendwie grotesk, oder? Ich wohne direkt an der Brücke neben dem mittelalterlichen Gefängnisturm. Und weil das einzig freie Zimmer die Suite mit 65 Quadratmeter ist bekomme ich sie zum Pilgerpreis von € 45,– mit Frühstück! Danke!

Portugal, Ponte de Lima 27km