2015-12-10 10.59.55

Sehnsucht nach Santiago

Heute ist wieder einmal ein geschenkter Tag. Ich hab starke Halsschmerzen wegen einer Kehlkopfentzündung und bin deshalb nicht am Christbaumstand. Mein supertolles  Verkaufsteam  macht das heute alleine und ich kann entspannt zu Hause bleiben. Wie immer, wenn ich  zu einer unverhofften Pause komme, wandert meine Seele wieder am Jakobsweg.

In dieser Zeit, wo unsere ganze Familie wieder zusammenhilft um unsere Christbäume in Wien, Linz und in Klosterneuburg zu verkaufen, liegen die Nerven oft blank. Jeder geht an die Grenzen seiner Belastbarkeit um alles unter einen Hut zu bringen, denn das ganz normale Leben läuft ja parallel zum Christbaumhändler-Leben.  Das ist der Unterschied zu den Belastungen am Jakobsweg, wo man neben den Anstrengungen des Weges keine anderen Verpflichtungen hat. Gleich ist, dass hier wie dort jeder versucht auch für den anderen Sorge zu tragen, gerade dann wenn es um Ausnahmesituationen geht. Vielleicht ist man in Zeiten der eigenen Not auch offener für die Not der anderen. Ich frage mich, warum man gerade dann, wenn man selber nicht weiß wo einem der Kopf steht, eher zupackt um auch anderen zu helfen. Ist das nicht absurd? Warum lassen viele von uns es zu, dass unser Herz auf Tauchstation geht, wenn es uns gut geht und erst empfindsamer wird, wenn eigene Not spürbar ist. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum uns Weihnachten berührt. Eine schwangere Frau, die nicht weiß wo sie ihr Kind auf die Welt bringen soll – diese Not ist für viele von uns nachvollziehbar.

In diese Tagen hab ich besonders große Sehnsucht nach Santiago weil ich weiß, dass eine liebe Pilgerfreundin gerade ihren Rucksack packt um sich aufzumachen. Sie will über den Nordweg gehend am Heiligen Abend in Santiago ankommen. Was für eine schöne Art um auf Weihnachten zuzugehen. Es vergeht kein Tag wo ich nicht an meinen Sommer am Weg denke. Mit den Stammkunden am Christbaumstand fragt man sich oft gegenseitig was denn das vergangene Jahr so alles mit sich gebracht hat und so habe ich viel Gelegenheit immer wieder davon zu erzählen. Es macht mir Freude immer noch neues Facetten zu entdecken und zu spüren wieviele Menschen sich davon angesprochen fühlen.  Während ich das schreibe lacht die Sonne durchs Küchenfenster und ich habe solche Lust zu gehen, dass ich in Jacke und Schuhe schlüpfe und nach draußen muss.  Schon nach wenigen Schritten bin ich wieder im Jakobswegmodus und sehe die mir so vertraute Landschaft wie durch andere Augen, die Augen einer Pilgerin die das Schöne, das Spirituelle suchen. Dabei kommt auch die Seele bald zur Ruhe. Die Gedanken ziehen auf diese bekannte, vertraute und wohltuende Art und Weise durch den Kopf.

Wir stellen jedes Jahr bei uns vor dem Haus einen kleinen Christbaum auf, als Erinnerung an einen ganz lieben Freund von uns, der vor zwei Jahren an dieser Stelle tod zusammengebrochen ist. Es ist ein liebgewordenes Ritual im Advent ein Licht für ihn zu entzünden. Jeden Morgen und Abend erinnert uns das Licht an diesen lieben Menschen und immer wenn ich eine neue Kerze entzünde fühle ich mich genauso hilflos und betroffen wie am ersten Tag. Auch nach so langer Zeit stelle ich wütend die Frage nach dem Warum. Was anders geworden ist, ist das Vertrauen ins Leben. Am Crouze de Ferro habe ich einen Stein abgelegt und damit auch mit der Sorge um seine Familie. Ich sehe wie seine Kinder zu großartigen jungen Menschen heranwachsen und wünsche mir auch für seine Frau, seine Mutter und Geschwister, dass sie in ein  sorgenfreies Dasein mit viel Lebensfreude zurückfinden. Was bleibt ist die Dankbarkeit für diesen Menschen der uns lehrt jeden Augenblick bewußt zu genießen.  Alles andere relativiert sich und was bleibt ist der Wunsch den Heiligen Abend mit allen aus der Familie und aus dem Freundeskreis wieder gesund miteinander verbringen zu können. In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine stille Adventzeit wo ihr jeden Tag etwas entdeckt um euch darüber zu freuen.