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Schnecke von links

Der Morgen begann gleich mit einer Lektion. Dazu muss man wissen, dass die heutige Etappe eine von gefürchteten „eine Ewigkeit kein Schatten, kein Wasser, kein Garnichts“ ist. Kluge PilgerInnen starten am zeitigen Morgen um die 18 km schon fertig zu haben bevor es heiß wird. Aber es gibt viele kluge PilgerInnen,  und wie wir losgesprintet sind. Einer nach dem anderen zog mit munterem Steckengeklimper an mir vorbei. Da schickt mir wer, wer auch immer, von links eine große, dicke, fette Nacktschnecke vorbei – mitten in Spanien. Seit Monaten hab ich keine von diesen, meinen Freundinnen getroffen! Aber kluges Kind erinnert sich sofort, da war doch was mit langsam gehen und Beständigkeit…. In diesem Moment als mir das bewußt wird muss ich laut über mich selber lachen: da bin ich seit Monaten zu Fuß unterwegs, schreibe lauter gescheite Dinge in meinen Blog und merke, dass ich am kühlen Morgen auf ebener Straße vor Anstrengung schnaufe und schwitze, als würde mich der Teufel persönlich jagen. Soviel zum Thema: im eigenen Tempo gehen. Ich hoffe ich hab die Lektion einwenig mehr begriffen und laufe im Alltag dann nicht wieder mit dem Strom mit sondern achte darauf in meinem Rythmus und Tempo zu bleiben. Falls jemanden auffällt das ich es wieder vergessen habe, dann schickt mir bitte eine Schnecke vorbei!

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Der Weg war heute wenig abwechslungsreich wieder einmal angeblich entlang einer alten Römerstraße (die zieht sich durch alle Länder des Jakobsweges) und so waren die Gedanken frei. Ich hab mich heute einwenig in der Vergangenheit verkrochen und viel an mir liebe, bereits verstorbene Menschen gedacht. Da liefen Tränen aber auch schöne Erinnerungen kamen hoch, Gedanken des um Vergebung bitten und des Verleihens hatten nebeneinander Platz. Es tut gut dem einmal Raum und Zeit zu geben und danach hat es sich wie ein Reinigungsprozess angefühlt. So etwas ist im betriebsamen Alltag nicht möglich und es läßt sich auch nicht planen, aber am Pilgerweg ist es willkommen. Wie gut tut es da wenn mit einem Mal am Wegrand ein Spanier mit einem Kübel frischer Mandeln sitzt und dir welche davon in die Hand drückt, nachdem er sie für dich mit dem Nußknacker geknackt hat. Einfach so als Geschenk an die vorbeiziehenden Pilger. Dafür bezahlen zu wollen wäre eine Beleidigung für ihn gewesen – Danke, dass jemand für mich die Nüsse knackt. Einen Nußknacker gab es dann heute noch einmal.

So wie die meisten Pilger trage ich den Stein, den ich am Cruz de Ferro ablegen möchte, bereits seit zu Hause mit. Bei der Segensmesse in Maria Laach haben viele ihre Wünsche, Sorgen und Gedanken symbolisch hineingelegt und immer wieder betrachte ich den Stein und halte ihn bewußt in Händen. Er ist mir schon sehr vertraut geworden und ich kann mir gar nicht so recht vorstellen wie das Gefühl sein wird, wenn ich ihn dort ablege. Aber ein paar Tage können wir ja noch gedanklich etwas hineinlegen bevor ich ihn dort am Berg lasse.

Heute waren aufeinmal überraschender Weise ganz viele deutschsprachige Menschen um mich. In der ersten Bar nach diesen 18 km war natürlich viel los und so frage ich an einem Tisch ob ich mich dazusetzen darf. Ein Herr mittleren Alters beginnt das Gespräch mit der Frage: „Na wie ist ihr erster Tag?“ Als ich Nachfrage warum er denn glaubt das sei mein erster Tag macht er mir unbewußt ein wunderbares Kompliment als er sagt: „Sie sehen noch so erholt aus während wir anderen durch die Tage vorher humpeln, schnaufen und jammern.“ Als ich die Sache aufkläre ist dem Armen das unheimlich peinlich, aber ich freu mich wie eine Schneekönigin das man mir offensichtlich ansieht, dass es mir gut geht. So wie der Ginster hier manchmal ein zweites Mal blüht und uns mit seinem feinen Duft überrascht, überrascht uns manchmal auch das Leben. Schauen und schnuppern müssen wir selber und das ist einwenig anders als sehen und riechen.

Heute Abend habe ich in einem Lokal gegessen, dass auch in der Küche vertrauenswürdigen Eindruck machte (eh klar beim Gang zur Toilette gecheckt). Darum beschloss ich, dass es heute der Abend für das erste Paella in meinem Leben sein wird. Gestaunt habe ich, als mir der Kellner einen Nußknacker brachte. Auf meine Frage, was ich den damit soll (ich nur englisch, er nur spanisch) zeigte er auf die Langusten. Ich hab ihm erklärt, dass wenn Kinder und alte Menschen das mit den Finger essen dürfen, dann darf ich das auch (war keine Kunst das zu vermitteln weil am Platz vor uns viele Kinder und ältere Menschen waren). Da hat er gelacht und dann mit einigen anderen Spaniern viel Spaß dabei gehabt als sie mir beim Essen zugesehen haben. Also hätte ich das jetzt auch in meinem Leben erledigt – ich glaube süchtig werde ich nicht danach.

Es ist für mich fast unglaublich, denn wer mich kennt weiß wie gerne ich in der Weltgeschichte unterwegs bin – aber schön langsam bekomme ich so richtig Sehnsucht nach daheim.  Ich freu mich am meisten auf meine Familie und Freunde, aber ich freu mich auch auf Kleinigkeiten die Heimat symbolisieren: ein Glas gutes Leitungswasser ohne Chlorgeschmack, Schwarzbrot, meine Hängematte und meine Bücher und mein Klavier, unsere Glocken aus Maria Laach und vieles mehr. Aber die paar Kilometer geh ich noch mit viel Freude und Genuss und Neugierde was noch alles auf mich zukommt.

ESP Sahagún, Montag der 28.7.2015, 38 km