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Psst, nicht verraten

In Waidring herrscht, so wie überall hier, noch Winterschlaf. Alle Hotels und Gasthäuser waren gestern zu. So hab ich kurzerhand bei einem Privathaus angeklopft wo ein Schild „Zimmer frei“ hing. Eine nette alte Dame öffnet mir und meint, sie würde mich ja gerne aufnehmen, aber die Heizung ist kaputt. Aber ich bin müde und nass, ich will ein Bett, die Dame sieht nicht erfroren aus und Mädels in meinem Alter wissen, dass sie sich darauf verlassen können, dass nächtens sowieso alle 2 Stunden ein heißer Energieschub kommt – also ziehe ich ein und werde am Morgen dafür mit Erdbeeren am Frühstückstisch überrascht (ich bin, so nebenbei erwähnt, nämlich erdbeersüchtig).

Bei Nebel und wolkenverhangenen Bergen mache ich mich auf den Weg und erlebe nach wenigen Minuten wie die Sonne durchbricht – ein atemberaubendes Naturschauspiel, dass sich in seiner ganzen Pracht kaum mit der Kamera einfangen läßt.

Der Weg nach St. Johann führt mich wieder einmal dem Fluß entlang. Heute streikt meine Intuition und ich geh einen Umweg von mind. 3 Kilometer- aber bei diesem Kaiserwetter ist das nicht schlimm. Beim Vormittagskaffee beantworte ich einer lieben Freundin ein Mail. In Bezug auf den Gottesdienst, den wir bei meiner Abreise in Laach gehalten haben, wird mir bewusst, dass ich das Leben sehr gerne so richtig zelebriere. Das war nicht immer so. Ich glaube, dass ich das erst seit meiner Erkrankung so mache – und ich tu das wirklich gerne, weil ich finde, dass wir das Leben an sich feiern sollten! Was für eine Erkenntnis, die genau zum heutigen Tag passt.

Nach St. Johann kam dann gleich der zweite Selbsterfahrungstrip für mich: ich bin ja grundsätzlich nicht ängstlich, sonst würde ich mich ja nicht alleine auf diesen Weg machen. Aber am Flußufer begegnet mir ohne Vorwarnung eine Gruppe von uniformierten Soldaten in Tarnmontur mit Maschinengewehren im Laufschritt. Jetzt am Abend denk ich mir: „die Armen hatten wohl ein Übung.“ Aber in der Situation löst so eine Begegnung unkontrollierbare Panik in mir aus. Ich habe keine Ahnung wo dieses Gefühl herkommt und ich versuche mich meiner Angst zu stellen. Tief im Unterbewussten gibt es da wohl Schatten die auftauchen, wenn Zeit und Raum dafür ist.

Aber ich hab noch etwas interessantes entdeckt – da am Fluß müssen viele Biber am Werk sein, denn die Spuren sind überall zu sehen. Auf den Bergen sieht man noch wo vor wenigen Wochen die Schipisten waren und zum ersten Mal komme ich auf Wiesen die schon nach Almen aussehen.

So, und nun das Geheimnis zum Tag: ich übernachte heute in keiner Pilgerherberge sonder ganz im Gegenteil, dort wo sich Mausi und Katzi schon Gute Nacht gesagt haben – in einer Luxusherberge in Going. Meine Ausrede ist, dass ich weiß, dass es meinen müden Muskeln unendlich gut tut zu schwimmen – und das kann ich hier (und ganz kleinlaut: sonst hat ja keiner offen). Es gibt auch keinen Pilgerrabatt aber dafür einen Concierge, der mir den Rucksack aufs Zimmer bringen wollte. Ich bin mir sicher, dass hier noch kein Gast so viel Wäsche gewaschen hat wie ich heute. So ein Quartier wird wohl die Ausnahme bleiben, denn sonst ist mein Budget bald alle und ich bin in ein paar Wochen wieder daheim. Also werde ich morgen Früh nochmals schwimmen gehen, frühstücken und dann Abmarsch nach Wörgl, wo ich morgen meine Nichte Sarah treffe, die 4 Tage lang mitgehen wird und wir werden wieder ganz normale Pilgerinnen sein.

AUT Going, Mittwoch der 29.4.2015, 29 km