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Pilgertief über Freiburg

Beim Pilgern gibt es, wie überall sonst auch, Höhen und Tiefen. In dieser Region hätte ich auf meiner großen Pilgerreise 2015 meinen seelischen Tiefpunkt ganz oben am Berg. Könnt ihr euch erinnern – das war der Tag wo ich in Freiburg das Fahrrad aus dem 5.Stockwerk werfen wollte. Beitrag von 2015 (Wer sein Rad liebt, der schiebt)

Ich hab mir damals eingebildet, dass ich es ausprobieren muss mit dem Fahrrad zu fahren. Ich glaube der eigentliche Grund war, dass ich mich vor der französischen Sprache gefürchtet habe. Das macht mich auch diesmal wieder unrund. Ich brauche immer ein paar Tage bis ich mich wieder ganz entspannt und voll Urvertrauen auf das Leben einlassen kann wenn rund um mich herum eine mir fremde Sprache gesprochen wird. Der ganz normale Pilgeralltag, der ja bei Gott nicht sehr aufregend oder gar bedrohlich ist, stresst gehörig wenn man der Alltagssprache nicht mächtig ist. Jetzt weis ich als Luxuspilgerin aber, dass ich in diesem Land prinzipiell willkommen bin; ich weiß, dass ich in der Tasche eine Kreditkarte und einen Pass habe; ich weiß, dass ich hier freiwillig bin und jederzeit nach Hause kann, wenn ich will – und trotzdem macht mir das Stress. Diese Situation lässt mich ansatzweise erahnen wie es sein könnte, wenn ich all diese Sicherheiten nicht hätte,  so wie jene Menschen die ihre Heimat verlassen mussten oder auch verlassen wollten, weil sie sich wo anders eine bessere Zukunft erhoffen. Wie dankbar bin ich darüber, wenn sich jemand die Mühe macht mich verstehen zu wollen oder wenigstens ein paar Wörter in meiner Sprache spricht. Mit Händen und Füßen geht es ja auch irgendwie. Aber was ich sehr schnell spüre ist, ob jemand ein ehrliches Interesse daran hat mit mir in Beziehung zu treten oder nicht. Da gibt es die Menschen die versuchen dich zu erziehen und jene die einfach das Richtige tun. Ein Beispiel: eine Konditorei in Freiburg; ich muss zur Toilette; finde auch eine, aber für die braucht man einen Schlüssel; ich gehe wieder hinunter ins Geschäft und „frage“ auf deutsch und englisch worauf mich die Verkäuferin mit einem französischen Wasserfall an Worten belehrt, meine Fragezeichen in den Augen werden immer größer, „keine Ahnung was die von mir will“; da tupft mir eine junge Frau auf die Schulter, deutet mir ihr zu folgen, huscht um die Ecke und zeigt mit dem Finger auf eine Schlüssel am Hacken in der Bar – so einfach geht es in ca. 10 Sekunden mit einem sympathischen Lächeln. Die sprachliche Erklärung hat viel länger gedauert, ich hab mich blöd gefühlt und die Verkäuferin war sichtlich genervt. Hoffentlich erinnere ich mich an diese Situation und handle wann immer es möglich ist wie die junge Frau.

Als ich das letztes Mal in Freiburg war hatte ich ja meinen Fahrradfrust. Darum habe ich die Stadt nicht gerade als Highlight gespeichert. Im Reiseführer ist sie ganz anders beschrieben. Also wollten wir heute ausgeruht und gut gelaunt die Schönheit der Stadt entdecken. Nach der Messe im Münster durchstreiften wir den historischen Stadtkern und waren uns schnell einig, dass unser Dürnstein aber sicher 10x schöner ist – klingt überheblich, ist es auch 🙈. Es wäre interessant herauszufinden ob mich der Ort deshalb nicht anspricht weil er mit negativen Erfahrungen besetzt ist, aber ein drittes Mal gehe ich deswegen nicht mehr her.

Wir haben am Morgen getrödelt, dann in Freiburg viel Zeit liegen lassen, statt in der Mittagshitze durch das Gewerbegebiet zu latschen haben wir uns eine Station mit der S-Bahn gegönnt und übernachten nun in einer netten Herberge in einem kleinen Dorf. Um uns hier in der Gemeinschaftsküche ein Abendessen kochen zu können waren wir noch in der Käserei – ein Angebot wie früher bei uns im Lagerhaus – im kleinen Dorfladen Lebensmittel, Hausrat und Tankstelle; vor dem Laden ein Automat mit Red Bull, Getränken, Süßigkeiten, Kondome und Käse fürs Fondue – alles was du brauchst und das sogar gekühlt.

Das Ham and Eggs mit frischem Baguette war köstlich. Wir sind uns nur nicht ganz sicher ob das grobe Salz in der Küche auch wirklich zum Kochen gedacht ist oder ob es das Regeneriersalz für den Geschirrspüler ist. Ich habe mit Salz gekocht, Sepp ohne – ich geb euch morgen Bescheid was mein Bauch dazu sagt.

Autigny, 2019-08-15, 19 km