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Pilgerautobahn

Ich merke, dass ich nun doch schon lange unterwegs bin. Während die anderen Pilger gerade mal eingegangen sind hab ich das Gefühl schon in der Zielgeraden zu sein. Zum ersten Mal beginne ich darüber nachzudenken, was den das Resümee meiner Pilgerschaft sein könnte. Ich bin sicher, dass ich darüber noch öfter sinieren werde aber eines erschien mir heute wichtig: meine Hoffnung war, dass ich meinem Körper etwas Gutes tue. Das ist auf jeden Fall aufgegangen, denn ich habe mich noch nie so gesund gefühlt. Es fühlt sich sehr gut an seinen Körper so gut zu kennen, denn so lassen sich auch die Grenzen besser einschätzen. Ich sag auch ganz oft Danke zu jeder Phaser meines Körpers, denn in meinem Leben hab ich ihm schon sehr viel zugemutet.

Heute Nacht hat unweit von unserer Herberge ein Zeltfest stattgefunden, was uns Musik bis 3:30 Uhr beschert hat. Um 4:15 Uhr sind dann drei Mädels aufgestanden, die es mit ihrer Morgentoilette sehr genau genommen haben und uns andere sehr intensiv daran haben teilnehmen lassen. Grantig und müde bin ich dann um 5 Uhr raus und hab mich promt verlaufen. Ich bin in eine alte Trasse eingebogen und hab erst bemerkt, das etwas nicht stimmt als es nur mehr einen Weg gab, der der aufgehenden Sonne entgegen ging. „Da kann was nicht stimmen“ hab ich mir gedacht und wie bestellt kam ein Spanier mit seinem Jeepitten in der Pampa daher, deutete mir einzusteigen, redete ununterbrochen sehr bestimmt auf mich ein und setzte mich nach einigem kreuz und quer wieder an einer der ersten Markierungen des Tages ab. Inzwischen ist es hell geworden und ich um eine Erfahrung reicher: alte, kaputte Wegmarkierungen können auch sagen, dass hier einmal ein Weg gegangen ist.

Ach ja noch etwas möchte ich euch erzählen. Es gibt sie wirklich diese vielen berührenden Geschichten vom Camino. Doch ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass das was man hier einander anvertraut auch hier bleibt. Diese Sicherheit macht es leichter sich zu öffnen (und nein, diese Seminarregel die viele von mir kennen,  hab nicht ich eingeführt). Aber eine Geschichte darf ich erzählen. Bei einem Abendessen vor ca. 2 Wochen in einer Bar lerne ich ein junges schottisches Mädchen kennen, hab sie aber seither nicht mehr gesehen. Sie erzählt mir, dass sie hier ist weil ihre Eltern, ihr Bruder und ihre Schwester schon gegangen sind. Sie geht nun auch den Weg um endlich auch mitreden zu können. Ihre Schwester hat sich vor einigen Jahren am Weg verliebt, hat den jungen Mann auch geheiratet und die erwarten das zweite Baby. Vielleicht kommen sie auch unterwegs zu Besuch. Was glaubt ihr wen ich heute beim Frühstück in einer kleinen entzückenden Bar getroffen habe? Ich hab selten so eine glückliche, strahlende Familie gesehen.

Heute habe ich endlich meine letzte Fahne auf den Rucksack geheftet. War gar nicht so einfach einen spanischen Wimpel zu bekommen. Aber jetzt kommt nur mehr ein Camino-Abzeichen in Santiago dazu. Darauf freue ich mich schon wenn ich das aufnähen werde!

ESP Camon de los Condes, Sonntag der 26.7.2015, 37 km incl. Umweg 😉