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Nachwort

Heute ist es genau ein Monat her, dass ich in Santiago angekommen bin. Es vergeht kein Tag an dem ich nicht an diese wundebare Zeit zurückdenke. So vieles erinnert mich an meine Zeit am Jakobsweg!!!

Ich muss euch einfach noch einiges erzählen, denn das Reflektieren und das Schreiben ist für mich zu so einem wichtigen Teil meines Seins geworden, sodass ich mich nur schwer (oder gar nicht) davon trennen kann. Ihr erinnert euch, das ich nach meiner Landung von meinen Lieben empfangen worden bin. Ich hab mich total gefreut, denn ich habe nur Sepp erwartet, weil wir ja noch ein paar Tage im Burgenland verbringen wollten. Welche Freude, dass ich sie alle in die Arme nehmen konnte. Bei einem köstlichen, gemeinsamen Essen haben wir uns gegenseitig bestaunt, einander die wichtigsten Neuigkeiten erzählt und die Vertrautheit ganz neu genossen. Danach trennten sich unsere Wege wieder, denn nicht jeder kann soviel Urlaub machen wie ich.

Sepp und ich genossen noch einige heiße Sommertage am Neusiedlersee. Ich konnte in Ruhe „warten bis die Seele nachkommt“ denn das war gar nicht so einfach. Die Fülle des für uns normalen Lebens hat mich fast erdrückt. Zum Beispiel hatten wir ein grandioses Frühstücksbuffet. Ich bin mehrere Runden gegangen und bin schlussendlich mit einem Schüsserl mit einigen Stücken Melone zum Tisch gekommen. Den Blick von Sepp hättet ihr sehen sollen – da war nicht nur in den Augen ein Fragezeichen. Ich konnte mich nicht entscheiden, das war einfach zu viel Auswahl und das hat mich, im Gegensatz zu sonst, nicht glücklich gemacht sondern einfach nur überfordert. Ich wollte auch gar nicht zum Einkaufen, was aber notwendig gewesen wäre, weil die Kleidung die Sepp von zu Hause mitgebracht hat zum größten Teil nicht mehr gepasst hat. So haben wir doch einen Abstecher nach Parndorf gemacht, doch das hab ich gar nicht ausgehalten und schon nach ganz kurzer Zeit die Flucht angetreten. So viele Menschen im Einkaufsrausch waren nicht zu verkraften.

In diesen Tagen wurde die Freude auf daheim immer stärker und es war Zeit nun wirklich nach Hause zu fahren. Ich hatte ja zwischendurch vor das letzte Stück zu Fuß nach Hause zu gehen, aber das hat dann nicht mehr gepasst. Aber es war mir wichtig in unserer Kirche in Maria Laach noch eine Kerze anzuzünden und DANKE zu sagen bevor wir ganz nach Hause fahren,  außerdem wollte ich noch den neuen Grabstein meiner Schwiegereltern sehen. Ich dachte mir auch gar nichts dabei als Sepp hinten beim Pfarrhof stehen blieb, denn dort wurde ja kräftig umgebaut und das hat mich natürlich auch interessiert. Als ich dann die Kirche betrat traf mich fast der Schlag – die Kirche war voller Menschen!!! Mein erster Gedanke war, dass ich womöglich auf die Fatimafeier vergessen habe. Erst als ich meine beiden Schwestern von hinten erkannte überzuckerte ich, dass die alle wegen mir da waren. Irgendjemand hat ein Video von mir gemacht wie ich in der Kirche nach vorne gegangen bin – und ich werde dieses Video nicht online stellen! Ich torkelte wie ein Betrunkene, lachend und weinend zugleich nach vorne. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass so viele Menschen (es waren an die 100 Personen) gekommen waren um meine Ankunft mit mir zu feiern.

An die Gestaltung dieser Heiligen Messe werde ich mich mein Leben lang erinnern. Jedes Lied hatte für mich eine ganz besondere Bedeutung. Die Freundin meines Sohnes hat die Messe mit ihren Schwestern und Eltern für mich musikalisch gestaltet – und es war einfach großartig gesungen. Die Auswahl der Texte und Fürbitten war so liebevoll geschehen und sie wurden von meinen Lieben so schön gelesen. Meine beiden Nichten haben ministriert, unsere Blumendamen haben die Kirche extra schön gemacht. Ein besonderes Geschenk waren die berührenden Worte unseres lieben Herrn Pfarrers. Auch jetzt noch steigen mir die Tränen der Rührung auf, wenn ich daran denke mit welcher Fürsorge und Freude er mich auf meinem Weg begleitet hat. Ich hab noch nie an einem Tag in meinem Leben so viel geheult und mich so sehr gefreut wie an diesem Tag!!!

Doch nach der Messe ging es noch weiter, denn meine Kinder haben alle Anwesenden eingeladen mit zu uns zu kommen. Den Weg nach Hause haben sie mir mit ganz vielen Jakobswegsymbolen ausgeschildert. Als wir zu Hause um die Ecke bogen traute ich meinen Augen nicht. Ich muss vorausschicken, dass ich vor drei Jahren begonnen habe unsere große Familie einmal im Jahr zu uns einzuladen zu einem großen Familienfest. Für dieses Fest „müssen“ meine Männer jedes Jahr ein großes Zelt aufstellen und ihre Freude über diesen meinen Auftrag hält sich in Grenzen. Doch heuer war ich ja nicht da und so viel unser Familienfest aus. Doch jetzt stand dieses Zelt einfach da und es erstrahlte alles viel, viel schöne als jemals zuvor. Unsere Söhne und ihre Freundinnen haben sich richtig ins Zeug gelegt um mir einen schönen Empfang zu machen – und das ist ihnen wirklich gelungen: liebevolle Dekorationen bis ins letzte Detail durchdacht: ein Transparent, ein roter Teppich für mich, Wegweiser, Fackeln und Kerzen, viele Fotos und natürlich Essen und Trinken – und als Überraschung haben sie mir in jedes Fenster unseres Hauses einen Buchstaben geklebt. Wie bei einem Adventkalender hat sich ein Fenster nach dem anderen erleuchtet und ein „Willkommen daheim“ überstrahlte das ganze Fest! Irgendjemand sagte, dass sei so schön „wie bei einer Hochzeit“ – und dann gab ein Wort das andere…… da trägt normalerweise der Mann die Braut über die Schwelle……doch bei uns ist das jetzt anders…..da ist ja jetzt die Frau die stärkere…… usw. – und so hab ich eben Sepp geschultert und über den roten Teppich getragen. Ab diesem Zeitpunkt haben wir nur mehr gelacht und keine Tränen mehr vergossen. Bis in die frühen Morgenstunden haben wir uns einfach nur gefreut, dass ich wieder daheim bin.

Es war so schön, dass so viele dabei waren: Familie, Freunde, Nachbarn. Es war wirklich eine gelungene Überraschung, denn ich hatte nicht die leiseste Ahnung und auch keinen Verdacht geschöpft. Erst im nachhinein wurde mir bewußt, dass Sepp doch seine Finger im Spiel hatte, denn er hatte noch Durst, mußte unbedingt noch tanken, noch was einkaufen,… und so ist ihm die Punktlandung gelungen. Das ich noch mein Kerzenritual machen wollte, ist ihm natürlich sehr entgegengekommen.

Ach war das aufregend – und auch hilfreich. So hatte ich wirklich einen Abschnitt meines Lebens ganz bewußt und mit viel Freude und guten Gefühlen beendet. Dass ich noch zwei Wochen ohne Arbeit hatte war sehr gut, denn so ganz einfach ist es nicht die Welt des pilgerns zu verlassen und wieder im Alltag zu landen. Besonders in der ersten Zeit habe ich bemerkt, dass ich mich zurückziehe wenn mehrere Menschen um mich sind. Ich fühlte mich unsicher weil ich immer wieder bemerke, dass meine Wahrnehmung eine andere ist. Einerseits möchte ich mich natürlich wieder gut in den Alltag integrieren, andererseits möchte ich mir aber die Qualitäten des Weges beibehalten. Am schlechtesten komme ich nach wie vor mit der Fülle an Dingen die uns umgeben zurecht. Ich frage mich bei jedem Gegenstand den ich in die Hand nehme, ob ich das wirklich brauche um ein gutes Leben zu führen. Überall im Haus liegen Schachteln und Haufen herum von Dingen die ich aussortiere. Auch die Stille geht mir ab und so versuche ich alle Geräuschquellen möglichst zu umgehen.

Körperlich fühle ich mich einfach großartig und möchte mir das auch erhalten. Da Bewegung zur Zeit einfach Spaß macht, versuche ich so viel als möglich einzubauen. Meine Schulter hat nach der Ankunft zu Hause gestreikt – eine Altlast die jetzt akut geworden ist. In alter Manier des Weges frage ich mich, wozu ich das denn jetzt gebraucht habe? Ich denke es sollte eine Mahnung sein, nicht gleich wieder in alte Muster zu verfallen und zu schnell wieder zu funktionieren. So schwanke ich auch heute noch zwischen den Welten hin und her. Manchmal bin ich wieder in meiner alten Rolle, stolpere dann wieder in Denkweisen und Gewohnheiten einer Pilgerin um danach Neues auszuprobieren.

Was mir gut gelingt ist mein Leben gelassener fließen zu lassen und die guten Beziehungsqualitäten zu pflegen und zu schätzen. Was noch nicht so gut geht, ist der Umgang mit der Zeit. Vier Monate lang war der Moment das Wichtigste, Zeit hat keine Rolle gespielt. Nun merke ich, dass ich mich in der Präsenz des Momentes verliere – was aber auch Lebensqualität bedeutet. Doch wenn ich das beibehalten möchte muss ich in meinem Leben einiges umstellen. In welchen Ausmaß ich das will und wie das gehen soll weiß ich noch nicht. Doch mein Vertrauen ins gute Leben wird mir einen Weg zeigen – also geht er doch weiter mein Jakobsweg!?!

Maria Laach, 9.9.2015