Muschel_santiago

Mein letzter Tag in Spanien

Immer wieder zieht es mich am heutigen Tag zu den Pilgern hin. Irgendwie fühle ich mich dort besser aufgehoben und geborgen und selbst die Kathedrale verliert ihren Reiz, wenn eine Menschenschlange rundherum wartet um hinein zu kommen. Wie gut, dass die deutsche Pilgerseelsorge die Messe schon um 8 Uhr morgens anbietet. Da konnte ich danach ganz ungestört die Figur des hl. Apostels Jakobus noch ein letztes Mal umarmen (auch so ein Ritual) und an seinem Grab noch einmal beten.

Das touristische Treiben wird mir rasch zu viel. Am meisten stört mich der Lärm. So gehe ich immer wieder auf mein Zimmer. Das ist die eine Seite.

Andererseits habe ich unheimliche Lust darauf mir neue Kleider zu kaufen. Komisch ist aber auch das: denn das worauf ich früher zugesteuert bin passt irgendwie auch nicht recht zu mir. Na das fängt ja gut an. Aber irgendwie finde ich dann doch was zum Anziehen nur das mit den Schuhen krieg ich nicht hin. Ich glaube ich mag nie wieder normale Schuhe anziehen. Ich glaube mit Schuhen mit Absatz kann ich gar nicht mehr gehen. Wir werden sehen.

Gestern Abend bin ich mit zum spirituellen Rundgang der Pilgerseelsorge, sehr informativ und hilfreich. Die Einrichtung der Deutschen Pilgerseelsorge schätze ich sehr weil diese Menschen so wie ein Hafen im Sturm auf See sind. Es ist wirklich wichtig hier im touristischen Trubel nach dem langen Pilgerdasein angemessen begrüßt zu werden und diesen sicheren Hafen hier in Santiago zu haben um den Übergang zu meistern.

So schwimme ich zwischen den Welten hin und her, wundere mich wie oft ich zum Bankomat muss, vergesse ganz auf Essen und Tagesrythmus und bin hin und her geworfen zwischen großer Vorfreude auf daheim und dem Abschiedsschmerz vom Pilgerleben. Ich bin auch sehr überrascht wie rasch man Sachen vergißt. So habe ich heute online eingecheckt und hatte wirklich zu tun das hinzukriegen. So Fragen wie „welche Tastenkombination war das doch gleich beim @?“ sind ja wirklich peinlich.

Nun habe ich meinen letzten Pulpo (Krake) mit gebratenen Paprikaschoten verdrückt. Das fast tägliche Wein trinken kann ich ja sehr einfach auch daheim haben. Ich war noch ein letztes Mal am Platz vor der Kathedrale und hab versucht dieses Gefühl ganz fest in mir zu verankern.

Es hilft mir sehr zu wissen, dass ich wieder hierher zurückkehren werde um mit Sepp gemeinsam „bis ans Ende der Welt“ zu gehen. Ich freu mich sehr, dass er mir das vorgeschlagen hat. Wenn ich daran denke laufen mir schon wieder die Freudentränen über die Wangen. Was habe ich nicht für einen großartigen Mann an meiner Seite!

Mein Jakobsweg hat auch rund um mich herum sehr viel verändert. Indem ich mich aufgemacht habe um mir meinen Lebenstraum zu erfüllen habe ich meiner Familie, meinen Freunden und meinem Arbeitsumfeld sehr viel zugemutet. Ich weiß, dass meine Entscheidung, mir diese Zeit zu nehmen, nicht für jeden nachvollziehbar war. Obwohl ich so lange immer wieder davon gesprochen habe, war es dann doch etwas ganz anderes als ich es umzusetzen begann. Am meiste Veränderung hat es sicher für meinen Mann und für unsere beiden Söhne bedeutet. Da war viel Unsicherheit und Sorge wie das denn werden wird. Da meine drei Männer sehr selbstständig sind war mir um den Alltag nicht bang. Ich wußte, dass sie das toll hinkriegen, wenn vielleicht auch mit einer etwas einseitigen Ernährung. Tatsächlich gab es recht oft Toast im Hause Thalinger, aber es gibt schlimmeres. Der Zusammenhalt hat sich für uns als Familie sehr verstärkt. Vielleicht muss man manchmal weggehen um sich näher zu kommen. Noch viel mehr als je zuvor wissen wir nun was wir aneinander haben und schätzen. Eine tiefe Verbundenheit konnte auf einem guten Fundament in den Himmel wachsen weil durch die Veränderung im System sichtbar wurde was uns trägt. Die achtsame Kommunikation ist viel einfacher wenn viele Kilometer dazwischen sind. Ich bin nicht sicher, dass es uns im Alltag gelingen wird das aufrecht zu erhalten, aber wir haben diese tiefgreifende Erfahrung gemacht an die wir uns erinnern können.

Ich fühlte mich in dieser Zeit mit vielen lieben Menschen sehr verbunden. Die Qualität der Beziehungen hat sich so sehr verändert und verstärkt. Das schönste Geschenk des Jakobusweges ist, dass sich eine tiefe Liebe in unsere Ehe eingestellt hat von der ich viele Jahre geträumt habe. Wir haben soviele Schätze an uns neu entdeckt und die Freude aneinander ist unbeschreiblich schön!

Möge mein Weg allen Mut machen voll Vertrauen an die eigenen Grenzen zu gehen um zu erleben, dass Wunderschönes daraus wachsen kann!

ESP Santiago de Compostela, Dienstag der 11.8.2015