Zwischen den Welten

Bevor ich mich wieder in das ganz normale Leben zurückschieße noch einmal ein Blogbeitrag, weil ich bereits gelernt habe, dass der Blog in Pause geht, wenn ich wieder daheim bin.

Erst einmal muss ich mich vor Madrid und den Menschen die hier leben verneigen und für meinen ersten Kulturschock entschuldigen – Madrid ist wirklich eine schöne, grüne, kulturell sehr interessante Stadt in der die Menschen verstehen das Leben zu genießen. Das Leben pulsiert in allen Ecken der Stadt – Spanien pur!

Dieser Camino war aus meiner Sicht einfach zu gehen. Er ist körperlich nicht so anstrengend gewesen weil es auch nur an wenigen Tagen richtig heiß war. Es sind relativ viele Straßenstücke zu gehen aber die Landschaft war wunderschön. Besonders der Gegensatz zu Beginn am Meer und dann in den Wäldern Galiziens ist sehr beeindruckend. Ich empfand den Weg spirituell nicht so anregend wie meine beiden anderen Wege.

Erst in den letzten Tagen habe ich wieder richtig gespürt wie gut mir das weite, lange wandern tut. Der Körper braucht doch ein paar Tage bis er sich wieder auf die Belastung einstellt. Besonders in der Nacht muss ich sehr oft alle meine Muskeln anspannen und entspannen. So richtigen Muskelkater hatte ich nicht, da ich ja die ersten Tagen kürzere Strecken gegangen bin. Der Rücken hat diesmal nicht so sehr geschmerzt wie beim letzten Mal und auch diesmal Gott sei Dank keine Blasen. Ein Vorteil ist, dass man sich ganz schnell wieder erinnert, was dem eigenen Körper gut tut und Lernerfahrungen wesentlich kürzer sind. Beim Gehen spüre ich sehr unmittelbar was meinem Körper gut tut und stelle mich dann auch darauf ein. So kann ich größere Anstrengungen meistern als wenn ich die Signale ignoriere. Würde mir das nur auch im Alltag besser gelingen. Als ich dann wieder so richtig in Form war, war es auch schon vorbei.

Wie immer gibt es den Vorsatz körperlich diesmal aber wirklich gleich in Form zu bleiben. In nur einer Woche geht es schon wieder zu Fuß nach Mariazell mit der Wallfahrergruppe aus dem Pflegeheim und Stationärem Hospiz in Melk. Darauf freu ich mich schon, d.h der Rucksack bleibt gleich in Reichweite. Trotz der Erfahrungen habe ich auch diesmal wieder Dinge mit mir herumgetragen, die ich nicht gebraucht habe. Die werden gleich entsorgt und gleich ein Foto gemacht mit allem was mit soll.

Während ich diese Zeilen schreibe überfliegen wir gerade die schneebedeckten französischen Alpen. So ein wunderschöner Anblick. Aus dieser Perspektive läßt sich das alltägliche Leben da unten in einem ganz anderem Blickwinkel wahrnehmen. Vielleicht ist das auch die Chance bei einer Pilgerschaft: sein Leben aus einem anderen Blickwinkel wahrnehmen. Andere Perspektiven sehen können und zulassen fällt uns im Alltag manchmal nicht so leicht. Am Pilgerweg werden sie dir oft geschenkt. Das Herz und die Seele ist weiter offen um zu empfangen. Ich glaube diese Gefühl der Nähe zum Wesentlichem ist es auch wonach man sich immer wieder sehnt und deshalb immer wieder aufbricht. Ich war immer der Meinung, dass ich diesen Weg einmal gehe und das dann für mein Leben abgeschlossen habe. Ich habe die Menschen, die sich immer wieder nach Santiago pilgern, nicht verstanden und für einwenig verrückt gehalten (erinnert ihr euch an den schönen Spruch mit dem Vogel?). Aber auch mich erwischt diese Sehnsucht immer wieder und ich bin meinem Mann sehr dankbar, dass er Verständnis für mich und meinen „Vogel“ hat. Dieses Gefühl der Erfüllung und Dankbarkeit das sich nach ein paar Tagen des gehens, des betens und fokussierens einstellt gibt mir unendlich viel Kraft, von der ich lange zehre. Ebenso erfüllen mich die Erinnerungen an viele schöne Bilder und Begegnungen, Gespräche und Erlebnisse.

Es gibt diesen tiefen Wunsch in mir, mir dieses Gefühl der Verbundenheit mit dem guten Leben in ganz viele alltägliche Situationen und Begegnungen mitzunehmen. Ich will mich erinnern wie es sich anfühlt wenn ich VOR meinen körperlichen Grenzen stehe. Ich hoffe, dass es mir rasch auffällt, wenn ich von meinem Weg abkomme. Diesmal habe ich ja eine besondere Lektion für den Umgang mit meiner Verbindung zu Vergangenem bekommen. Es hat sich richtig angespürt, es wenigstens zu versuchen Verlorenes wieder zu finden. Ich habe viel darüber nachgedacht wofür, für welche Sache, ich den Weg sonst noch zurück gegangen wäre. Ich weiß, dass mein Erlebnis auch viele andere Menschen berührt hat und dieses von- und miteinander lernen ist ebenso eine Qualität, die ich in meinem Leben gerne stärken möchte.

Der Camino fordert und ermöglicht es uns Gewohnheiten zu durchbrechen. Vieles davon erweist sich als großer Segen. Ob es die ganz automatische Umstellung auf eine bessere Ernährung ist, die Reduktion auf Wesentliches oder die Annahme von dem was man sowieso nicht ändern kann, beziehungsweise die eigene Entscheidungen ganz bewußt zutreffen. Ich wünsche mir so sehr Vieles von dem in mein zweites halbes Jahrhundert mitzunehmen, dass ich demnächst beginne! Mit Gottes Segen wird es gelingen!!!

2017-05-20, zwischen den Welten am Flug von Madrid nach Wien über den Wolken