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Halbzeit geschafft

Das waren wieder zwei Tage, wie man sie nur am Jakobsweg erlebt – warum auch immer das so ist, kann ich euch nicht sagen. Diese Tage sind von einer besonderen Lebensintensität, erfüllt vom Einlassen auf den Moment. Wenn es mir gelingt Situationen nicht zu bewerten sondern wertfrei anzunehmen und durchzugehen, dann kommt immer etwas besseres dabei heraus als ich es jemals hätte planen können.

Der Tag gestern war unheimlich anstrengend weil heiß und viele Höhenmeter auf relativ kurzen Strecken. Aber die Landschaft und die netten Begegnungen mit unseren beiden jungen Pilgerfreunden haben es kurzweilig gemacht. Inzwischen bin ich schon recht zufrieden mit mir wie gelassen ich die Steigungen nehme. Die Frust-Grant-Toleranzgrenze steigt täglich.

Sepp ist ja nicht so der fanatische Pilgerherbergenfan also haben wir unsere beiden Jungsters aus Deutschland in der Herberge verabschiedet und sind mit dem Vorsatz, noch im See zu schwimmen, mutig in den letzten Wegabschnitt gestartet. Da wir uns an das Preisniveau der Schweiz nicht gewöhnen, wollten wir es einmal billiger versuchen und am Campingplatz in einer Hütte übernachten – aber wie schon gesagt, da war alles voll. Also doch Herrn Booking.com bemüht und schnell was im Ort gebucht. Ein mehr an Risikobereitschaft war nicht mehr zumutbar. Wir wollten wenigstens noch eine Runde im See schwimmen und erst dann in den Ort marschieren. Aber vom schwimmen sind wir ganz schnell wieder abgekommen als wir unsere Zehen eingetaucht hatten. Dieser Brienzsee ist nur als Kneippbecken oder Tauchbecken nach der Sauna zu nutzen – soooo eisig, aber erfrischend. Auf schnellen Sohlen ging es zum Quartier. Das Problem bei den Onlinebuchungen ist, dass man nicht einschätzen kann wie weit das Quartier vom markierten Weg entfernt ist. Aber diesmal hatten wir Glück: am Ortsanfang, sehr einladend mit Restaurant und die herzliche Chefin gibt uns zum gebuchten Preis ihr bestes, größtes Zimmer mit Seeblick als Pilgerdraufgabe – so fein nach so einem Tag!

Am Morgen gießt es dann wie aus Schaffeln was uns motiviert das Frühstück ausgiebig zu genießen und als der Regen nachlässt machen wir uns auf den Weg. Ja schau mal, da vorne gehen ja zwei die wir kennen – genau, unser beiden Pilgerfreunde! Um meinem Mannerschnittenritual treu zu bleiben gibt es an der Pause zur Feier des Tages – die halbe Strecke ist geschafft – Schnitten für alle. So schlendern wir streckenweise gemeinsam, dann wieder jeder für sich über Hängebrücken und den See entlang Richtung Interlaken wo sich unsere Wege dann trennen, denn Sepp und ich haben beschlossen einen Tag Pause einzulegen und uns Bern anzusehen. Weil die Quartiere in Interlaken unverschämt teuer sind, sind wir gleich mit dem Zug nach Bern gefahren.

Gestern als diese Idee entstanden ist, hab ich einer sehr innigen Pilgerfreundin aus 2015 geschrieben, die hier irgendwo in der Schweiz daheim ist. Diese junge Frau ist mir sehr ans Herz gewachsen und „so Gott will wird es uns zufallen, dass wir uns Wiedersehen“ dachte ich mir. Wie hab ich mich gefreut, dass sie sich gleich gemeldet hat und ja sie hat morgen Zeit!!!!

Als Draufgabe haben wir noch ein irres Abendprogramm hier in Bern bekommen. Bevor der Zug in den Bahnhof einfuhr sahen wir Zelte und buntes Treiben – ein Afrikafestival! Und als wäre das nicht genug findet in der Altstadt ein Festival der Straßenkünstler statt. Seit Jahren nehme ich mir vor einmal nach Linz zum Pflasterspektakel zu fahren und jetzt kommt das Spektakel zu mir – besser gehts nicht!! Somit sind wir doch wieder auf 23 km gekommen und haben somit die 200er-Marke geknackt.

Bern, 2019-08-10, 23km