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Großmütter

Seit einigen Tagen denke ich immer wieder an einen lieben Jungen aus meiner ehemaligen Firmgruppe der unter Tinitus leidet. Darum erschrak ich sehr als ich heute um 5 Uhr durch ein Summen im Kopf erwachte und es war auch nicht wegzukriegen. Erst als ich in meinem Schlaftaumel auf die Idee kam mir die Ohren zuzuhalten atmete ich erleichtert auf – doch keine Übertragung sondern, wie sich später herausstellte nur ein Rauchmelder der alarmierte und keiner es der Mühe wert fand ihn abzudrehen.

Doch das Thema beschäftigt mich weiterhin. So hat es gut gepasst heute an San Juan de Ortega vorbei zu kommen. Hier wird großartig renoviert was dieser Heilige aufgebaut hat. Er hat sein Leben der Fürsorge der Pilgern gewidmet. Man erzählt hier, dass es ihm mindestens genauso wichtig war den Pilgern Mut zu machen trotz ihrer Probleme und Gebrechen ihren Weg zum Ziel zu gehen, wie zu heilen. Dieser Gedanke begleitet mich seit ich an diesem Ort war. Das ist doch auch eine Perspektive für unser Leben: mutig den Weg zum Ziel gehen und lernen mit unseren Problemen ein gutes Leben zu führen, wenn manches in unserem Leben  nicht mehr Heil wird. Für alle die sich diesen Mut wünschen habe ich am Grab des Heiligen Juen de Ortega eine große Kerze entzündet.

Der Weg war heute sehr gut zu mir. Am Morgen war richtig Nebel und der Weg dadurch sehr mystisch. Das hat meine Seele weit gemacht und so waren einige sehr persönliche Erkenntnisse möglich die mich tief berührt haben. Über all den Gedanken und Empfindungen steht wie eine Überschrift das Gefühl der Dankbarkeit. Der Weg hat wieder einmal mein Leben wiedergespiegelt. So viele nette Überraschungen am Weg. Ich hatte das Gefühl, dass hinter jeder Kurve ein neues Geschenk vom Leben am mich wartet. Diese Kreativität und Lebensfreude ist richtig ansteckend. Immer wieder hab ich mich über die Ideen der Menschen gefreut und irgendwann ist es dann soweit, dass man sich anstecken lässt und inspiriert von denen vor uns selber aktiv wird und sich beteiligt. Jeder kann sich einbringen und wird so Teil des Ganzen. Manche brauchen vielleicht länger, andere wollen eingeladen werden, wieder andere machen es fast heimlich und versteckt. Wie schön ist das!

Im nachdenken darüber wer mich in meinem Leben geprägt hat sodass ich zu der Sonja werden konnte die ich heute bin, sind mir meine beiden wunderbaren Großmütter eingefallen. Die beiden waren ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, aber jede von ihnen war eine besonders starke Frau. Sie haben die Herausforderungen des Lebens gemeistert ohne zu klagen und sind ihren Weg mit viel Lebensfreude gegangen. Sie haben mich und mein Frauenbild sehr geprägt. Wenn ich mich zurückerinnere welches Bild ich als junges Mädchen vom alt werden hatte, so muss ich schmunzeln. Ich wollte immer eine „gute Oma“ sein. Eine gute Oma sah so aus: hochgesteckten graue Haare (die hab ich schon), eine die superguten Apfelstrudel und Leberknödelsuppe kochen kann (das geht auch schon so halbwegs) und die immer Zeit hat um Enkelkinder vorzulesen und ehrliche Antworten zu geben (da arbeite ich noch dran). Jetzt aber erst – ich bin davon überzeugt, dass Großeltern eine ganz wichtige Rolle spielen. Es steckt ja schon im Wort: große Mutter, großer Vater. Sie bringen Eigenschaften und Erfahrungen mit den ein junges Leben prägen, wie auch immer. Ich sehe hier auch immer wieder Enkel und Großeltern gemeinsam unterwegs und bin jedes Mal von der Innigkeit der Verbindung beeindruckt. Es scheint irgendwie auch einfacher zu sein als wenn Eltern und Kinder miteinander gehen. Witzig ist auch, dass sich in den Gruppen die sich finden meist auch jemand dabei ist, der diese Rolle übernimmt. Also ein Hoch auf alle Großmütter dieser Welt.

Ich hatte ja vor heuteBurgos zu erreichen, ein Marsch von 40km. In den Karten sah ich einen Weg der kürzer war und querfeldein über zwei Autobahnen führte (keine Angst, mit Brücke). Den wählte ich mutig und entschlossen obwohl mich zwei hilfsbereite Menschen auf den richtigen Weg zurückschicken wollten. So versäumte ich zwar zwei Dörfer kam aber nach 38 km hier in dieser beeindruckenden Stadt an. Nur die letzten 10 km waren schrecklich zu gehen: Stadteinfahrt, Gewerbegebiet und Vorstadt, obwohl ich da schon wieder am offiziellen Jakobsweg war. Doch diese riesige Kathedrale entschädigt für vieles.

Da ich morgen einen ruhigen Tag habe bin ich noch zu einer Nachtfahrt mit dem Bummelzug aufgebrochen und war wieder mal überrascht wieviel Leben auf diesen nächtlichen Straßen ist. Alt und jung lebt hier das soziale Leben erst nach 21 Uhr. Ich werde morgen liebe Bekannte treffen, die gerade hier in Spanien Urlaub machen, ins Museum gehen und meine Achillessehne pflegen, denn die sagt, dass 35 km am Tag genug sind.

ESP Burgos, Donnerstag der 23.7.2015, 38 km