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Gedankensplitter

Na das hab ich ja schon ewig nicht mehr gehabt: hab gestern um 21:30 Uhr die Fensterläden meiner „Villa“ zugemacht und bin eingenickt und heute um 5:45 Uhr munter geworden – für Frauen, die so wie ich gerade den Wechsel der Hormone erleben, eine Seltenheit! So erholt, dass es mir schon fast unheimlich ist, habe ich mich auf den Weg gemacht. Mein Wunsch von gestern nach einem abwechslungsreichen Weg hat sich erfüllt. Endlich wieder Tiere auf der Weide, denn die mag ich besonders, weil ich das Gefühl habe die verstehen mich auch wenn ich sie deutsch anspreche. Nein ihr müsst euch keine Sorgen machen, ist weder von der Hitze noch psychisch bedingt, dass ich mit Kühen und Schafen spreche, das hab ich immer schon gemacht ;-). Besonders gerne spaziere ich an Gärten vorbei und freu mich für die Besitzer über ihre reiche Ernte und die schönen Blumen. Eine anerkennende Geste freut die Besitzer, auch wenn wir einander sonst nicht wirklich verstehen. ich kam heute auch durch ein Dorf wo gerade für ein „Kellergassenfest“ aufgebaut wurde und hab gleich überlegt ob ich nicht 2 oder 3 Tage dableiben soll um zu helfen. Ich wünsche dem lieben Kellergassenfest-team vom Hospiz Melk (das Fest ist am SA in Pöverding bei Melk) viele spendierfreudige Gäste, gute Laune, schönes Wetter und Ausdauer.  Falls ihr als Gäste meinen Blog lest: lasst es euch bei diesem Fest so richtig gut gehen und helft damit anderen Menschen.

Ich gehe am Weg in jede Kirche und staune immer noch über die Unterschiede. Am Weg in Frankreich gibt es wenige Kirchen die sehr pompös und protzig erscheinen, eher einfach, schlicht und meist sehr alt. Fast alle Kirchen sind offen, obwohl ein Priester bis zu 20 Kirchen betreut. Oft sehe ich angeschlagen, dass nur einmal im Monat eine Hl. Messe gefeiert wird. Unabhängig davon sind manche Kirchen sehr gepflegt und man spürt eine Lebendigkeit und andere Kirchen wirken vergammelt und leer – und das hat rein gar nichts mit Kunstschätzen oder Popularität zu tun.

Die Landschaft wird nun wieder hügelig und es geht ständig bergauf und bergab. Ich mag es wenn man der Bergkuppe entgegenschnauft und dann oben angekommen das vermeintliche nächste  Ziel sieht. Meist haben es Ziele am Jakobsweg so an sich, dass sie oben sind. Oft nur blöd, dass man, um sie zu erreichen, dann meistens nochmals nach unten muss um sich dann nochmals nach oben zu kämpfen. Das braucht Kraft und Ausdauer und Humor hilft auch. Ein echtes Trainingslager für das Leben. Ist es da nicht auch so? Und manchmal wartet in der Senke ein unglaublich schöner Rastplatz. Ganz unvermutet lädt da eine Hängematte zum Rasten ein. So wie heute! Es war der beste Rastplatz den ich bisher am Weg bekommen habe und den habe ich natürlich genutzt. Überhaupt fällt auf, dass es hier in der Gegend wieder Bankerln und extra viele Plätze und Infos für Pilger gibt.

Beim Gehen hat mich auch mein gestriger Unmut beschäftigt. Ich habe normalerweise doch schon recht gute Strategien entwickelt um schwierige Strecken zu meistern. Warum haben die gestern nicht funktioniert? Es ist mir nicht eingefallen, dass ich hätte Musik hören können um mich abzulenken. Das mit beten hat auch nicht geklappt. Je grantiger ich wurde umso schwerer ist der Rucksack geworden. Im Kopf weiß ich ja oft wie es ginge, aber wenn der Leidensdruck nicht groß genug ist, dann leide ich offensichtlich lieber weiter, als auszusteigen und mich auf das zu besinnen, was schon einmal genützt hat. Warum warte ich darauf, dass der Druck so groß wird, dass ich reagiere? Das kann nur ich ändern, sonst niemand. Ich bin sicher, dass ich am Weg noch Gelegenheit bekommen werde um das auszuprobieren. Morgen soll es ja schon wieder heiß werden.

Auch mein Rucksack ist ein Lehrmeister für mich. Er hat mich ja schon einiges an Kraft und Energie gekostet. Ich denke, dass ich es auch im Leben gewohnt bin schwere Lasten, im übertragenem Sinne, zu tragen. Das merke ich aber nur beim Auf- und Absetzten. Habe ich das Gewicht erst einmal am Buckel, dann merke ich es gar nicht mehr, außer der Weg wird zu lange. Immer wieder schleichen sich Ding ein die ich dann mittrage. Am Weg ist es mir eine gute Übung geworden an jeder Landesgrenze oder immer wenn mich jemand besucht hat streng zu prüfen, was nach Hause soll und was ich weiter mittrage. Manches war einfach zu viel und anderes habe ich, ob der geänderten Umstände, nicht mehr gebraucht. Nun bin ich in ein paar Tagen an der letzten Landesgrenze und werde wieder einiges nach Hause schicken. Ich suche danach was in meinem Leben solche Grenzen sein könnten an denen ich kritisch hinterfrage ob ich wirklich noch alles tragen möchte und ob der Rucksack noch passt. Ich will nicht mehr, dass meine Gesundheit so eine Grenze ist. Aber was könnte es dann sein?

Ich habe heute wieder keinen einzigen Pilger getroffen und frag mich, warum das so ist. Wo sind die alle? Immer wieder hört und liest man von den vielen Pilgerbekanntschaften. Jene aus Familie und Freundeskreis die mich begleitet haben, kannte ich ja schon vorher. Außer meiner lieben Pilgerfreundin aus der Schweiz hat sich noch keine längere, neue Bekanntschaft ergeben. Getreu meinem Motto „der Weg ist mein Lehrmeister“ frage ich mich, warum das so ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir ja gewünscht habe, dass mich der Weg neues lehrt. Ja und das mit den vielen interessanten und liebevollen Menschen rund um mich habe ich ja im Alltag seit vielen Jahren. Ob privat oder im Beruf – diese Menschen sind um mich wie mir auch die vielen Mails der letzten Monate zeigen. Wenn dieser Blog etwas ist, womit ich etwas als Dank für diese Begegnungen zurückgeben kann, dann freut es mich. Vielleicht ging es bisher auf meinem Jakobsweg darum, mit mir zu sein (und die beste aller besten Pilgerfreundinnen hab ich ja schon treffen dürfen).

Heute hab ich mal wieder eine Herberge mit Kasernen-Charm erwischt und einen Feldwebel als Mitpilger gleich dazu. Manchmal ist es auch gut der Sprache nicht so mächtig zu sein.

FRA Pomps, Donnerstag der 9.7.2015, 35 km