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Endlich einmal verlaufen

Ich hab meinen Text, wie fast jeden Abend, ganz entspannt aber sehr müde, verfasst. Das gehört mittlerweile für mich zum Pilgern dazu. Schon tagsüber fällt mir manche Redewendung ein, die meisten vergesse ich wieder und einige kommen im Schreibfluss wieder an die Oberfläche. Das Spiel mit den Worten und Gedanken bereitet den Weg, den die Seele zu gehen hat.

Der heutige Tag ist für Sepp der mühsamste gewesen. Es hat schon damit begonnen, dass wir in Thun schlecht weggekommen sind. Erst hat er eine Passage entdeckt wo ein Lift zu Schloss und Kirche angeschrieben stand. Der erste Lift brachte uns 7 Stockwerke nach oben. Zu Fuß wären wir sie nicht gegangen. Dann hieß es umsteigen für den Rest hoch zum Schloss. Heute morgen leider nein – Wartungsarbeiten! Naja wenn wir schon einmal so weit sind dann nehmen wir halt die Stufen; soweit kann es jetzt auch nicht mehr sein – leider nein – es waren noch ganz viele Stufen. Also waren wir um 9 Uhr am Morgen zum ersten Mal außer Puste und fix und fertig. Bis wir dann nach Klo- und Apothekenpause (der Hirschtalg geht aus 🙈) wirklich am Weg waren, war es schon 10 Uhr.

Die heute vorgeschlagene Strecke wären fast 32km laut Buch, aber das wollte ich uns nicht zumuten und habe deswegen ein B&B 4km vor dem Etappenziel gebucht, weil nur ein kleiner Ort und da möchte ich sicher gehen, dass wir was reserviert haben – heute gar nicht gut!Dieses Thun hat uns ganz graußlich erwischt: die erste Stunde war ein schöner Weg am See, dann begann es kurz zu regnen, Regenponchos rauf, Regenponchos runter, außer uns nur Hundebesitzer unterwegs, verwirrende Schilder aber Sepp fragt eine ältere Dame mit Hund nach dem Weg und wir folgen ihrer kompetent und selbstsicheren wirkenden Antwort – leider! Darauf hin sind wir eine Stunde lang herumgeirrt: auf die Hauptstraße, nein rüber zur Bahn, komplett falsche Richtung die Straße, zurück, wo ist die Autobahn – da müssen wir drüber, gibt es nicht -Sackgasse, fragen, doch andere Rich…. endlich, da vorne ein Haufen gelber Schilder und eine Gruppe von Wanderern, ortskundig und in die gleiche Richtung gehend. Die nehmen uns freundlich unter ihre Fittiche und führen zwei genervte Pilger durch den Stadtdschungel über die Autobahn und entlassen uns wieder in die vertraute Wildnis mit den netten gelb-blauen Pfeilen. Inzwischen ist es Mittag und wir sind fast noch im Ort wo wir gestartet sind.

Ich kann solche Erlebnisse sehr schnell ausblenden und mich dann wieder an dem erfreuen was ist. Sepp wurde von Bremsen gestochen, die Sonne schien gleich wieder zu heiß, der Weg war auch nicht schön und außerdem war der Tag heute viel zu lange – und ja, da hat er recht mein Schatz. Weil wir ja reserviert haben sind wir auf 31km gekommen – wirklich viel für uns beide wo wir doch untrainiert und unsportlich sind!

Heute ging es einige Zeit über ein Hochplateau, also eigentlich mehr eine dichte Aneinanderreihung von lauter schiefen Ebenen. Von da aus hätten wir gerne wenigstens einmal auf ein paar 4000er gesehen, aber die waren immer in den Regenwolken versteckt. Dafür gingen wir durch ein militärisches Übungsgebiet wo wir immer wieder die Geräuschkulisse von verschiedensten Schießgeräten hörten. Hier könnte ich nicht leben. Diese Geräusche stressen mich dermaßen, dass es mir nicht gelingt sie auszublenden – und dass soll bei mir was heißen, weil ich normalerweise sehr gut im fokussieren bin.

Endlich, kurz nach 18 Uhr sind wir im Quartier angekommen: Zimmer schön, im Gemeinschaftsbad sogar eine Badewanne  für mich (Sepp meinte, er bräuchte heute jedoch einen Hebekran dazu), reichlich Abendessen im Supermarkt eingekauft und dann DAS: kein Passwort für das WLAN aufzutreiben (wenigsten die österreichischen Nachrichten hätte ich Sepp noch gegönnt – aber so ist der Tag für ihn wirklich, wirklich grausam!) da wir heute in einem Haus untergebracht sind wo man für jene die erst nach 17 Uhr ankommen den Schlüssel im Schlüsseltresor hinterlegt. Das Passwort ist leider im ganzen Haus nicht zu finden und der telefonische Notruf geht zur Reinigungskraft, die das Passwort auch nicht hat – aber sie wird es sich morgen besorgen. Schön für alle die nach uns kommen. (… aber ich bis sicher, dass Sepp eh schon schon eingeschlafen ist, wenn ich jetzt vom Aufenthaltsraum ins Zimmer komme).

Riggisberg, 2019-08-12, 31 km