dertagdanach

Der Tag danach

Der Tag gestern war unbeschreiblich, teilweise auch unwirklich, nich fassbar für eine kleine Pilgerseele die ja in den letzten Monaten recht wenig Aufregung hatte. Auch heute kann ich es nur bruchstückhaft beschreiben und es gibt Momente, da muss ich es mir immer wieder selber vorsagen damit ich es auch glauben kann: „Ich habe es geschafft, ich bin angekommen!“

Ich war gestern Morgen irgendwie durch den Wind, nicht wirklich aufgeregt aber irgendwie nicht ganz da. Als ich im Dunklen auf der Straße stand um loszugehen habe ich meinen Lieben daheim noch eine SMS geschrieben und hab da erst bemerkt, dass ich um eine Stunde zu früh aufgestanden war. Aber wie immer am Weg ist alles genau so richtig wie es ist. Ich hatte mir vorgenommen ganz bewußt diese letzten Schritte bis zur Kathedrale zu gehen. Es sind ca. 5 km vom Monte de Gozo, ich hab mich nicht verlaufen, bin keinen Umweg gegangen und hab keine Pause gemacht und hab 2,5 Stunden dafür gebraucht! Kann mir das jemand erklären??? Es war gut dieses Stück Weg alleine zu gehen um es ganz in mich aufzunehmen. Ich wußte ja, dass mich in Gedanken ganz viele von Euch begleitet haben und ich glaube ich hab auf diesem Wegstück wirklich an jeden Einzelnen von euch gedacht (wahrscheinlich hat es deswegen so lange gedauert).

Die Gefühle die ich dann in den Stunden nachdem ich die Kathedrale erreicht hatte zu beschreiben geht nicht. Jeder der es schon selber erlebt hat kann mich vielleicht verstehen und die anderen bitte ich um Verständnis, dass ich das nicht zerreden möchte. Unkontrollierbar wirft es die Seele hin und her und wie bei vielen PilgerInnen flossen auch bei mir Tränen. ….und alles ist gut und darf sein!!!

Wie es so mein Ritual geworden ist umrunde ich meinen Zielpunkt immer bevor ich ihn für mich einnehme. So hab ich das auch in der Kathedrale gemacht und bin nach den ersten paar Schritten an einer Seitenkapelle vorbeigekommen wo gerade eine Hl. Messe in Deutsch stattgefunden hat. Wie schön nach so langer Zeit wieder alles zu verstehen und mitsingen zu können. Genau das richtige „um zu warten bis die Seele nachkommt“. So habe ich gleich einige Infos von den Angeboten in deutscher Sprache bekommen. Da es noch sehr zeitig war waren noch wenige Pilger am Pilgerbüro um sich die Compostela zu holen. Diese Urkunde bekommt man, wenn man durch Stempel, die man am Weg in einem eigenen Pilgerausweis sammelt, beweißt, dass man auch wirklich die letzten 100 km zu Fuß gegangen ist. An manchen Tageszeiten stehen die Pilger mehrere Stunden an um die Compostela zu bekommen. Danach habe ich mich nochmals auf den Platz vor der Kirche begeben um mich von der Sonne in Santiago de Compostela begrüßen zu lassen und zu genießen.

Bei der täglich um 12 Uhr stattfindenden Pilgermesse mußte ich zwar stehen aber dafür hatte ich einen supertollen Platz. Dort wird erwähnt wieviele Pilger in den letzten 24 Stunden angekommen sind und sich eine Compostela geholt haben. Tut mir leid, aber ich hab nicht verstanden wieviele es gestern waren. Die Messe war sehr beeindruckend und mein großer Wunsch, dass das große Weihrauchfaß geschwenkt wird hat sich auch noch erfüllt. Das Botufameiro wurde im Mittelalter angeblich aus ganz profanen Gründen eingeführt – die Pilger verbreiteten einen so strengen Geruch dass man etwas tun musste damit die Priester die Messe halten konnten. Ich glaub gestern war das jetzt nicht so und ich finde dieses Ritual schon was ganz kraftvolles und aussagekräftiges. Ein großer Lebenstraum hat sich damit erfüllt!

Da war es dann gut, dass die deutsche Pilgerseelsorge zu einem Austausch eingeladen hat. Für mich war diese Gesprächsrunde und das anschließende gemeinsame Essen sehr hilfreich. Danach konnte ich gut ins Hotel gehen, weil ich ja noch ein paar Tage Santiagoluft haben kann.  Für mich wäre es nicht gut gleich am nächsten Tag hier wieder weg zu müssen. Ich schwanke heute so zwischen den Welten. Einerseits freue ich mich schon so sehr auf meinen Mann, meine Kinder, Familie und Freunde und auf daheim. Beim Aufwachen war ich froh, dass ich mich entschieden habe heuer nicht mehr nach Finisterre zu gehen. Andererseits zieht es mich heute immer wieder vor und in die Kathedrale um wieder ins Pilgerin-sein einzutauchen. Auch heute noch ergreift mich das Treiben hier in der Altstadt sehr. Ich kann so mitfühlen mit den Ankommenden, mich mit ihnen freuen und mit ihnen weinen. Soviele Eindrücke gilt es noch einzuordnen. Es ist schön, denn an jeder Ecke trifft man bekannte Gesichter, mit manchen hatte man Gespräche, manche hat man schon sehr lange nicht mehr gesehen aber mit allen hat man eine gemeinsame Geschichte: den Jakobsweg 2015! Man erkennt die Pilger auch sehr einfach unter den anderen Touristen. Am aussagekräftigsten ist für mich die Art und Weise des Blickkontaktes, aber natürlich auch an der Kleidung und der Art und Weise der Bewegung.

Danke, danke, danke für die vielen Gratulationen und Glückwünsche! Aber am meisten freut es mich, dass sich soviel von meinem Weg haben berühren lassen und sich mitfreuen können. Dabei ist es doch eigentlich sehr unspektakulär was ich gemacht hab. Ich bin einfach nur gegangen, so wie alle anderen die daheim oder sonst wo sind, es auch tun. Schritt für Schritt, so gut ich kann…

ESP Santiago de Compostela, Montag der 10.8.2015