Das Leben führt die beste Regie

Heute ist unser letzter Tag in Santiago. Auch das tollste Hotel kann mich nicht in seinen Mauern halten. Ich habe gedacht, dass ich mich mittlerweile hier in der Altstadt auskenne. Ich muss hinaus auf die Plätze und Gassen. Immer noch entdecke ich neue Ecken und Winkeln die mich in ihren Bann ziehen. Wenn ich mit offenem Blick und offenem Herzen durch mir vertraute Gassen und Straßen ziehe, so passiert mir das nicht nur hier sondern überall auf der Welt – das weiß ich ja eh, trotzdem fällt es mir diesmal besonders schwer hier Abschied zu nehmen. Ich möchte die Stimmung einsaugen, den Geist des „Ankommens“ in jeder Zelle aufnehmen. Immer wieder durchfährt es mich wie ein elektrischer Schlag wenn der Wind irgendwoher einen Freudenschrei eines ankommenden Pilgers um die Ecke weht. Ich gehöre heuer nicht richtig dazu und doch sind mir diese Menschen sehr nahe. So unterschiedlich die Erfahrungen, die Wege, die Menschen auch sind, es gibt diesen einen Punkt auf der Welt der uns vereint. Dieses Gefühl der Verbundenheit zwischen sich meist fremden Menschen kenne ich ganz besonders von den großen Knotenpunkten des Glaubens: Santiago, Lourdes und des See Genezareth; auch in Rom und Jerusalem sind solche Orte zu finden; aber viele kennen das auch aus Mariazell und Maria Taferl. Ist es nicht verwunderlich, dass solche Orte des Glaubens so viele Menschen anziehen und verbinden, die von sich behaupten mit Religion wenig am Hut haben? Ich glaube es ist die tiefe Sehnsucht des Menschen geliebt zu werden, bedingungslos, so, wie Gott uns das zugesagt hat. Ich habe viele getroffen die sich von der Kirche abgewendet haben, von der Art und Weise wie manchmal versucht wird Religion und Glaube zu vermitteln, aber niemand war dabei, der nicht geliebt werden wollte. Es freut mich riesig, dass heuer vom Papst das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen wurde. Der Zeitpunkt ist einfach perfekt – für die Welt und mein persönliches kleines Stück Leben. Ich durfte dieser Tugend unzählige Male am Weg begegnen. Sie ist mir neben der Dankbarkeit sehr vertraut geworden. Ich erfahre aber auch wie schwer es mir fällt sie im Alltag zu perfektionieren. Wenn man als Pilgerin mit leichtem Gepäck und klarem Ziel und viel Zeit unterwegs ist fällt es relativ leicht. Doch im Alltag das Erfahrene umzusetzen, inmitten der krassen Gegensätze unserer Gesellschaft, fordert heraus. Ich erhoffe mir viel Kraft dafür mitnehmen zu können.

Als ich letztes Jahr von Santiago nach Hause gefahren bin habe ich gewußt, dass ich heuer mit Sepp wiederkommen werde. Darauf habe ich mich nun ein Jahr lang gefreut. Schon im letzten Jahr habe ich herumgerechnet wann denn das nächste heilige Jahr in Santiago ist. Immer wenn der Jakobustag auf einen Sonntag fällt wird ein heiliges Jahr gefeiert. Dann kommen besonders viele Pilger weil dann die Kathedrale durch die heilige Pforte, eine besondere Türe, betreten werden kann. Das war leider in meinen Lebensplan nicht einzubauen, also war ich mir nicht sicher ob ich jemals dazu die Gelegenheit haben würde. Doch wie immer schreibt das Leben die besten Drehbücher: im Jahr der Barmherzigkeit steht die heilige Pforte natürlich offen – auch für mich und Sepp. Das ist nun das Tüpfchen auf dem i. Es war mir wichtig die Pforte erst dann zu durchschreiten wenn wir unseren Weg über Fisterra und Muxia wieder hier beenden. Es war etwas ganz besonderes durch diese Türe in einen neuen Lebensabschnitt zu treten: dieser Schritt trennt mein Leben in eine Zeit davor und danach! Wie schön, dass Sepp diesen Moment mit mir geteilt hat!

Ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, dass er mit mir diese Reise gemacht hat. Hätte er gewußt, dass manche Quartiere so aussehen, dass der WLAN-Empfang so schlecht ist und sich politisch in dieser Zeit zu Hause so viel tut – ob er wohl trotzdem mitgefahren wäre? Vielleicht getrau ich mich heute Abend bei einem guten Glas Wein zu fragen – vielleicht!

Das Wetter war jedenfalls perfekt für Sepp: Maximaltemperatur 18 Grad und ausschließlich Wolken und Regen. Heute zum ersten Mal Sonnenschein der länger aus 12 Minuten dauert. Santiago gibt jedem was er braucht! Ich weiß nicht wann, aber irgendwann möchte ich wiederkommen – zu Fuß, wenns geht!