IMG_6174

Aufgeben tut man nur einen Brief

Ich hab heute Nacht geschlafen wie ein Bär – es war grandios! Dann noch ein supergutes Frühstück mit den drei Mädels aus Passau. Dann ging es über die historische Brücke weiter Richtung Norden. Ich habe mir ein Bett in einer private Herberge vorreserviert, denn heute sind zwei Berge zu bewältigen – die anstrengendste Etappe am Weg und ich wollte trotzdem über 30 km gehen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Gleich am Morgen habe ich einen Australier kennengelernt, der mir aufgefallen ist weil sein Rucksack ganz neu und so aufgeräumt aussah. Er ist heute gestartet, den ersten Tag als Pilger überhaupt und hatte vor mehr als 40 km zugehen. „Nein, sportlich ist er eigentlich nicht, warum?“ Ich wünsche ihm alles Gute und bin gespannt wo ich ihn wiedersehe.

Die Landschaft hier ist beeindruckend: sehr üppig und ständig fällt mir auf was hier schon zu ernten ist. Jede Menge bekannte Pflanzen die es auch bei uns gibt und jede Menge Pflanzen die bei uns nicht wachsen. Die übervollen Orangen- und Zitronenbäume lassen mich fast meine gute Erziehung vergessen. Wie gerne hätte ich da eine oder zwei, aber ich trau mich keine zu stehlen. Aber es wäre nicht der Camino, wenn nicht bestens für uns gesorgt wäre. Nach einer gemütlichen Rast geht es zum ersten Mal bergauf und siehe da es rollt mir eine reife Zitrone vor meine Schuhe – na aber die muss ich ja mitnehmen bevor ein Auto drüberfährt, oder?

Der Anstieg war wirklich anstrengend. In Gedanken trage ich einen lieben Bekannten mit, der gesundheitlich zu kämpfen hat. Der Weg von ihm und seiner Familie ist viel, viel schwieriger und ich wünsche allen Menschen die gesundheitlich zu kämpfen haben Gottes Segen und viel Kraft. Auch diesmal habe ich wieder einige Gebetsanliegen auf meine Pilgerschaft mitgenommen und dafür symbolisch heute einen Stein an einem Kreuz abgelegt.

Sehr beeindruckt haben mich heute wieder unsere Pilgerfreunde aus Dresden. Die beiden sind fit wie ein Turnschuh. Da will ich mir ein Beispiel nehmen – mit 77 Jahren laufen mir die beiden davon und scheinen sich auch bergauf kaum anzustrengen. Wirklich bewundernswert! Ich denke an meinen Opa der heute 108 Jahte alt geworden wäre – ob es auch jemand geben wird, der am 7.6.2075 an mich denken wird  naja, solange ist das ja nicht mehr 😊.

Endlich oben angekommen gebe ich Gas um mein Ziel zu erreichen. Es fällt mir auf, dass ich auf dem Weg durch Portugal außer ein paar Eidechsen und Vögel noch keine Tiere gesehen habe, obwohl es so viel Wald gibt. Ich nehme mir vor heute in der Herberge danach zu fragen und ärgere mich, weil mir nicht einfällt wie Reh und Hirsch und Wildschwein auf englisch heißt. Nun seht mal was mir vor die Linse läuft.

IMG_6186

Dabei war das das einzige Tier, dass ich auf englisch hätte benenne können.

Doch wenigen Momente später stellte sich mein überschaubares Pilgerleben auf den Kopf. Ich habe bemerkt, dass ich ein mir persönlich sehr wichtiges Tuch verloren habe. Das Tuch gehört zu meinen bisher sehr sorgsam gehüteten Pilgergeheimnissen, von dessen Bedeutung außer meiner Familie niemand etwas weiß. Das soll auch so bleiben, aber es bedeutet mir sehr, sehr viel. Es tat mir fast körperlich weh den Verlust zu bemerken. Was sollte ich tun? Erst einmal habe ich nachkommende Pilger gefragt ob sie es gesehen haben, dann wer es zum letzen Mal an meinem Rucksack gesehen hatte, aber keiner konnte helfen. Das alte, löchrige Tuch würde auch kaum jemanden auffallen, wenn es am Weg liegt, an meinem Rucksack hängend hat sich wohl so mancher darüber gewundert. Erst wollte ich umdrehen, aber es sah nach Regen aus, es würde wieder stundenlang bergauf und bergab gehen und der Weg ist bei Regen sehr gefürchtet. Außerdem würde es mir vielleicht sogar dunkel werde, nach 18 anstrengenden Kilometer war ich mir auch nicht sicher ob ich es mit dem Rucksack schaffen würde. Nach einigem hin und her denken beschloss ich den Weg bis zur nächsten Herberge weiter zugehen, dort meine Rucksack zu lassen und mit dem Taxi zurück nach Ponte de Lima zu fahren. Ohne Rucksack könnte Ich es schaffen!

Nächstes Problem – Taxi erst in einer Stunden – das wird eng! Nach einigem hin und her kam es dann doch in 20 Minuten und ein Pilgerfreund erbot sich mir auch später am Abend die Herberge zu öffnen, falls ich später kommen würde. Inzwischen wußten viele Bescheid und wünschten mir Glück. Also begann ich noch einmal am selben Punkt wie am Morgen. Nur ohne Gepäck. Die schwarzen Wolken da oben am Berg machten mir aber schon gehörig Bauchweh.

Ich war mir nicht sicher, ob es eine gute Idee war zurück gegangen zu sein, aber wenn mir etwas sehr wichtig ist, dann möchte ich nichts unversucht lassen. Aber die ganzen Berge nochmal? Könnte ich das überhaupt schaffen? Was wenn ich mich übernehme? Lohnt sich das? ….. Und ich wurde belohnt: nach 4 Kilometern fand ich mein Tuch in einer kleinen Ortschaft zwischen Gehsteig und Kanal am Boden liegend. Ich bin sooooo froh, diese Stück alten, zerrissenen, löchrigen Stoff, der mich schon so weit im Leben begleitet hat, wieder zu haben. Das war einen Heulkrampf mit Freudentränen am Gehsteig wert! Mit dem Tuch ist ein Stück Lebensgeschichte meiner mir liebsten Menschen verbunden.

Dann übergab ich mein Schiksal dem Jakobsweg, denn mit einem Mal war ich ziemlich erschöpft. Ich bat einen Mann auf der Straße ob er für mich ein Taxi rufen würde, die Nummer hätte ich ja abfotografiert. Er nur Portugiesisch ich nur Englisch. Aber er verstand, doch leider keine Chance mit der Nummer von mir. Darum brachte er mich mit dem Auto zurück nach Ponte de Lima. Im Vorort entdeckt er an einem Kreisverkehr ein parkendes Taxi mit offenem Fenster aber ohne Fahrer. Er fragt einen Bauarbeiter der dort gerade herumsteht. Der Taxifahrer kommt grad aus dem Haus mit zwei Fahrgästen. Man bespricht sich was man mit der verheulten Pilgerin tun soll. Der Taxler organisiert mir einen anderen Wagen. Man übergibt mich in die Obhut des Bauarbeiters und die beiden anderen fahren mit viel Dank meinerseits weg. Nach wenigen Minuten kommt mein Taxi und ich glaube der Bauarbeiter ist auch froh, dass er mich los ist.

Wohlbehalten mit Tuch und völlig trocken und ein paar Erfahrungen reicher komme ich zurück zur Herberge, wo sich ganz viele mit mir mitfreuen! Demütig beschließe ich in der total überfüllten Massenherberge zu bleiben, koch mir noch eine Eierspeise und erzähle meine Geschichte noch ganz oft.

Nun liege ich in einem Stockbett oben und bin umgeben von 27 Pilgern von denen mindestens 40 jetzt schon schnarchen. Danke, dass ich das erleben kann – auch wenn ich noch keine Strategie habe wie ich es überleben werde! Das freundlichste an diesem Haus ist die Katze!

Portugal, Rubiaes, 27 km mit allen Umwegen