IMG_6357

Auf das Leben einstimmen

Heute hab ich total verschlafen, was wohl auch daran liegt, dass ich gestern vergessen habe auch meine innere Uhr wieder eine Stunde nach vor zu stellen. Zum Frühstück musste dann erst einmal alles aufgegessen werden, was nicht in die dafür vorgesehene Dose passt. Meine Vorliebe für gutes Essen gepaart mit meiner Angst zuwenig Essen bei mir zu haben lässt mich immer wieder zuviel einkaufen. Darum der Vorsatz: alles eßbare das neben der Notration an Mannerschnitten in der blauen Dose keinen Platz findet muss am Morgen gegessen werden. Satt, frisch und ausgeruht ging es dann spät aber doch los.

Zur Erklärung: Ich reise NIE ohne Mannerschnitten! Die helfen gegen alles: gegen Schmerzen im Knie, gegen Heimweh, Einsamkeit, Liebeskummer einer Mitpilgerin, …. immer! Ein Päckchen musste diesmal schon dran glauben als ich mein Tuch verloren habe und auf das Taxi gewartet habe – und es hat geholfen! Ich schwör einfach drauf! Das ist übrigens (leider) keine bezahlte Werbeeinschaltung sondern Erfahrungswissen 😉 ich freu mich schon auf die Schnitten in Santiago, denn dort hab ich schon meinen eigenen Platz wo sie ritualmäßig verdrückt werden.

Aber da muss ich erst noch ein Stück gehen. Das war heute ein ganz unspektakulär verregneter Pilgertag. Immer wieder lange Regenphasen die viel Gelegenheit zur Innenschau bieten. Ich höre dann gerne Musik um Körper und Seele in Schwung zu halten. Dabei ist mir heute ein guter Vergleich eingefallen. Wie so viele andere Menschen zieht es mich immer wieder auf den Jakobsweg. Dabei war das wirklich gar nicht im Plan, im Gegenteil: diese Jakobswegsucht war mir irgendwie suspekt. Ich wollte das einmal machen und dann sollte das für mein Leben lang erledigt sein. Aber es kam anders. Immer wieder möchte man neuerlich eintauchen und andocken. Dazu ist mir ein vertrautes Bild eingefallen: am ersten Jakobsweg passiert das, was mit einem wunderbaren Flügel passiert, wenn er nach vielen, vielen Jahren wieder einmal von Meisterhand gestimmt wird. Erst danach kann man mit seinen Sinnen erfassen, wie anders sich die eigene Lebensmusik anhört wenn alle Saiten wohl gestimmt sind. Mit der Zeit verstimmt sich das Instrument wieder, aber mit der Erfahrung im Gedächtnis möchte man nicht wieder so lange warten und sehnt sich nach den Fertigkeiten des bewährten Klavierstimmers. So erlebe ich die neuerlichen Pilgerreisen. Ich bin dabei mich wieder einzustimmen auf das, was das Leben für mich bereit hält!

Ich hab heute wieder meine beiden Pilgerfreunde aus Dresden getroffen – das war eine Freude. Die beiden waren gescheiter und sind 10km vor meinem Tagesziel Pontevedra in der Herberge geblieben. Ich bin danach nur mehr im Regen gelatscht, dafür war der alte Römerweg wunderschön. Aber es waren heute auch viele Straßenstücke dabei, was wegen der vorbeibrausenden Autos und dem Regen oft noch einen Extraguss einbrachte. Aber ich hab alles gut überstanden, keine nassen Füße und eine gute Ausrede für ein sehr, sehr gutes Abendessen mit allem drum und dran nach der Pilgermesse. Herz was willst du mehr!

Spanien, Pontevedra 34km