Angekommen

Gestern ging es nocheinmal hinauf zum Kap Fisterra zum Leuchtturm. Gemeinsam mit Sepp hab ich versucht ein Stück des blauen Tuches, dass mich meine ganze Pilgerschaft begleitet hat, zu verbrennen, was uns wegen des Windes nicht ganz gelungen ist. Ein Moment auf den ich mich schon sehr lange gefreut habe.

Tagsüber sind dort viel mehr Menschen als am späten Abend tags zuvor. Eine ganz andere Stimmung. Es war trotzdem ein besonderer Moment mit Sepp dort am weiten Atlantik zu stehen. In solch einem Moment wird einem bewußt wie klein und machtlos ein Mensch gegenüber solchen Naturgewalten ist. Was vermag ein Mensch angesichts dieser Kräfte die an einem solchen Ort frei werden? Die Gewalten von Wind und Wasser sind so unbändig mächtig, dass selbst die Kraft die mich bis hierher gebracht hat winzig klein erscheint. Ein Moment der selbst mich demütig macht (wer mich kennt, weiß dass ich mir mit der Demut echt schwer tu 😉). Ich hab es sehr genossen mich auf einer Steinbank in alter Manier der Länge nach auszustrecken und die seltenen Sonnenstrahlen dieser Tage so richtig einzusaugen

Heute sind wir schon zeitig losgegangen um die letzte Etappe nach Muxia gut zu schaffen. Ein wunderschöner Weg, den wir streckenweise etwas anders gegangen sind als vorgeschlagen. Ich habe gemerkt, dass es mir wesentlich leichter fällt Gott, dem Weg oder meinem Reiseführer zu vertrauen als Sepp, wenn er den Weg vorgibt. Das ist wohl eine unserer größten Fallen: oft sind wir beide so unglaublich gescheit, dass es uns nicht möglich ist uns darauf zu einigen, wer denn jetzt wirklich recht hat. Das kostet Kraft, die man auch anders nützen könnte. Wie so oft hat sich auch heute gezeigt, dass es völlig egal wäre wenn einer nachgeben würde und seine Kräfte sparen würde – wir würden gleich schnell ans Ziel kommen, vielleicht etwas unbeschwerter auf jeden Fall aber entspannter. Daran könnten wir noch arbeiten.

Mit jedem Kilometer würde es besser und fast zum Ende der Tagesstrecke sind wir an einer Bucht vorbeigekommen, wo man meinen könnte wir hätten uns in die Karibik verlaufen – sowas von wunderschön könnt ihr euch nicht vorstellen. Schade, dass das mit den Fotos nicht klappt. Muxia ist eine charmante Kleinstadt und die Kirche am Meer hat was ganz besonderes. Man meint die Wellen des Atlantiks würden gleich in das Kirchenschiff hinein schwappen. Diese bekannte Wallfahrtskirche zieht viele Menschen an und ich freu mich im Marienmonat Mai hier zu sein. Für mich schwer auszuhalten ist nur die Tatsache, dass man hier nur elektrische Kerzen „entzünden“ darf. Leider gibt es auch nur wenige Messen da, wir müßten bis Sonntag warten. So bleibt es nur bei einem sehr innigem Gebet.

Tja, spätesten in diesem Moment sollte ich begreifen, dass mein Jakobsweg – mein Lebenstraum – hier zu Ende geht, zumindest die reale Wegstrecke. Eine Sache steht noch aus, doch davon später. Ich glaube nicht mehr daran, dass der Weg hier endet. Die letzten Monate haben mich gelehrt, dass mein Weg jeden Tag weiter geht. Es vergeht kein Tag an dem ich nicht an diese Zeit zurück denke, daraus Kraft schöpfe und mich an das Erfahrene erinnere. Ich durfte durch diesen Weg so viel Schönes erfahren und lernen. Nichts davon möchte ich missen! Wieder einmal steigt dieses tiefe Gefühl der Dankbarkeit auf:

DANKE all jenen, die mich haben ziehen lassen

DANKE all jenen, die mich wieder willkommen geheißen haben

DANKE all jenen, die mitgegangen sind – real oder in Gedanken

DANKE GOTT FÜR DIESES LEBEN

Spanien, Muxia, 32+4 km