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Am Ende der Welt

Das Hotelzimmern hat uns und unseren müden Füßen richtig gut getan. Ausgeruht und gut gelaunt ging es im Sonnenschein auf die Suche nach einer Frühstücksbar. Frisch gestärkt – ach wie wird mir der frisch gepresste Orangensaft zu Hause wieder fehlen – begann ich meine letzte Etappe – 15 km purer Genuss! Es war der einzige Tag meiner diesjährigen Pilgerschaft wo ich mit jemanden zweiten gemeinsam gegangen bin. Aber mit dieser jungen Frau an der Seite machte jeder Kilometer Freude, denn der Weg gab uns Gelegenheit uns noch besser kennen zu lernen. Es ist zwar keine neue Erkenntnis, aber immer wieder verblüffend, dass es einen Unterschied macht, ob man sich bei einem Gespräch gegenüber sitzt oder ob man gemeinsam in die gleiche Richtung geht. Mein Eindruck ist, das der selbstreflektorische Anteil größer ist, wenn man in die gleiche Richtung geht. Damit nehmen Gespräche eine anderen Verlauf. Im gehen verändert sich auch das Tempo eines Gespräches und damit verringert sich in meiner Wahrnehmung der Druck der entsteht wenn Schweigen die Regie übefnimmt und damit gewinnt eine Begegnung an Tiefe. Das ist weder gut noch schlecht – es ist ganz einfach anders.

Meine liebe Pilgerfreundin und ich entdeckten eine sehr berührende Seelenverwandtschaft die uns beide bereicherte. Solche Menschen sucht man nicht, sie werden einem im Leben geschenkt. Mit ganz viel Freude im Herzen und mit einem breiten Grinsen im Gesicht sind wir am Meer entlang zwischen Buchten und Bars herumgezogen. Die Freude endlich am Meer zu sein, die Vorfreude bald vom Pilgermodus auf Urlaubsmodus umzustellen, die Erwartung eines schönen Abends am Kup Finesterra und die Gedanken an unsere Lieben zu Hause machten diese Stunden zu etwas ganz besonderem.

Unkompliziert war dann auch das Ankommen und die Quartiersuche. Wir waren genau zu richtigen Zeit an der öffentlichen Herberge um uns die Pilgerurkunde, die übrigens viel schöner ist als die in Santiago, abzuholen, denn diese gibt es erst ab 14 Uhr. Schon im Reiseführer hab ich zwei Herbergen ausgesucht, die ich gerne besuchen würde. Es sollte kein Massenquartier sein aber doch eine Herberge und kein Hotel. Dort wo wir die Urkunde erhielten lag von einer diese Herbergen ein Folder auf. Da meine Pilgerfreundin ganz gut Spanisch spricht, wollte sie dort anrufen, aber leider hebt niemand ab. Sie hat das Telefon noch am Ohr, als uns eine von zwei plaudernden Damen anspricht. Sie ist die Besitzerin der Herberge. Ja sie hat noch was frei. Sogleich machte sie auf ihren eleganten Absätzen kehrt um mit uns zu ihrem recht versteckten Haus zu gehen. Wir können uns das Zimmer noch aussuchen und haben sogar ein eigenes Bad – das passt perfekt für uns beide. So funktioniert das Leben!!!

Am Weg zur Herberge ginge wir „zufällig“ an einem Lokal vorbei, wo ich im letzen Jahr sehr gut gegessen habe. Dort gönnten wir uns nach der Dusche und einem letzten Pilgerwäsche erledigen ein gutes Essen. Wir wollten den Abend mit einer guten Flasche Wein, Käse und Trauben oben beim Leuchtturm verbringen und einen schönen Sonnenuntergang erhaschen. Leider zogen seit einigen Stunden immer wieder Wolkenfetzen herum, die einmal wie dichter Nebel um uns herumzogen um sich gleich darauf wieder aufzulösen.

In der Stadt haben wir noch ein paar Fotos gemacht und gleich verschickt. So ein „Angekommen-Foto“ muss natürlich auch an die übrigen Pilgerbekanntschaften die auch noch irgendwo unterwegs sind. Nach ein paar Minuten kommt eine Nachricht meiner mir sehr lieb gewordene Gruppe von Menschen die ganz in der Nähen von mir daheim wohnen, und ebenfalls den portugiesischen Weg gegangen sind „wir sitzen im Taxi und kommen in wenigen Minuten in Finesterra an“ WAR DAS EINE FREUDE SICH WIEDER ZU SEHEN!!!

Dazu muss ich noch erzählen, dass ich auch immer wieder drei ganz liebe Mädels aus Passau kennengelernt habe. Leider haben wir keine Nummern ausgetauscht und das hat mir mehrmals leid getan, denn mit denen wäre ich gerne auch in Kontakt geblieben. Und siehe da – die beiden Gruppen trafen unterwegs natürlich auch immer wieder aufeinander und eine der Mädels ist mit nach Finesterra gekommen. Also könnten wir noch Nummern tauschen und alle meine Wünsche sind in Erfüllung gegangen. Freunde, wir sehen uns wieder, da bin ich mir ganz sicher.

Die Stunden am Kap habe ich dann wieder mit meiner lieben Seelenfreundin verbracht – wunderschöne, freudige, tiefgründige Momente. Wir haben gelacht, uns gefreut und gelobt für unsere Leistungen, haben unsere Geschichten und Hoffnungen ausgetauscht, haben Steine ins Meer geworfen, gebetet und T-Shirt und Stoffstreifen verbrannt, gelacht und geschwiegen und einfach nur ins Meer geschaut und gelauscht – alles perfekt! Außer der Sonne, die hat sich hinter den Wolken versteckt. Zum Schmunzeln für euch: bei mir ist beim Ankommen beim Leuchtturm, nach dem Foto beim 0 km Stein der Akku meines Handys zusammen gefallen und bei meiner Begleiterin war der Speicher am Handy voll – wir haben übrigens das gleiche Handy inclusive gleicher Hülle 😉

Um 23 Uhr sind wir dann den Weg zurück – sicherheitshalber auf der Straße weil diese breiter ist. Einfach Danke ans Leben!

Jetzt heißt es wieder Abschied nehmen von einem Camino mit vielen schönen Momenten, anstrengenden Grenzerfahrungen und tiefen persönlichen Erkenntnisse – die ich mit viel Freude im Herzen mitnehme!

2017-05-16, Spanien, Finesterra 23km

PS: Morgen in Madrid treffe ich mich noch mit Fado-Elisabeth aus Kärnten