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Albergue – nein danke

Der erste Gedanke und Entschluss am Morgen: das war für diesmal meine letzte Herberge: eine Luft in dem Raum nach dem Motto „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“, ein schreckliches Geschnarche, ein dauerflackerndes Notlicht im Raum und um 5 Uhr dann die ersten die aufbrechen aber vorher noch mit rotleuchtenden Stirnlampen und megalautem Geraschel die anderen wecken. Der Entschluss stand fest: die nächste Stadt mit Hotels ist zwar über 40km entfernt, aber bevor ich noch meine nassen Sachen zusammengesucht habe, habe ich mit Hilfe von Booking.com schon ein Zimmer reserviert.

Ich habe gestern ein sehr liebe junge Frau kennengelernt, wir hatten uns beim Abendessen supergut unterhalten und die Nacht gemeinsam gelitten. Da es preislich egal ist ob man ein Zimmer für eine oder zwei Personen bucht hab ich ihr noch eine Nachricht hinterlassen und sie ins Hotel eingeladen, falls sie das möchte. Dann hab ich die Flucht ergriffen!

Der Weg ging heute durch spektakuläre Landschaften. Ich hab mich an so viele Orte und Erlebnisse erinnert die ich letztes Jahr hier mit Sepp hatte. Das ist eine ganz eigene Qualität einen Weg bereits zu kennen. Die Stimmung von damals war nahezu greifbar und ich bin so dankbar, dass wir dieses Stück Weg von Santiago über Finesterre nach Muxia im Vorjahr gemeinsam gemacht haben. Ich denke, dass das Wegsein dann besonders schön sein kann, wenn man zu Hause von liebevollen Menschen erwartet wird. Ich bin mir nicht sicher, ob ich so gerne unterwegs wäre, wenn es egal wäre wo ich bin. So gibt es mir Rückhalt und Kraft um solche körperlichen und mentalen Leistungen zu vollbringen.

Was mich jeden Tag aufs Neue fasziniert ist wie selbstverständlich in Spanien die Inklusion von Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen gelingt. Jede noch so kleine Bar hat eine eigen großzügige Toilette. Im öffentlichen Leben sind diese Menschen viel sichtbarer als bei uns daheim.

Wenn ich mich selber zu einem langen Marsch entschließe dann teile ich mir meine Kräfte auch besser ein und stelle mich auf Autopilot um, dann sind die 43 km auch gut zu schaffen gewesen. Sepp und ich hatten im letzten Jahr hier ganz anderes Wetter und so habe ich manche Perspektiven heute ganz neu gesehen. Die letzten 15 km sind sehr, sehr einsam und Nebel viel ein. Um diese Tageszeit ist man dann am Weg auch schon alleine unterwegs. Ich hab verwundert festgestellt, dass ich mich innerlich ermahnt habe nur ja vorsichtig zu sein, um mich nicht zu verknacksen oder so. Denn hier würde heute keiner mehr vorbeikommen und beim Handyempfang bin ich mir auch nicht sicher. Solche ängstlichen Gedanken sind mir eigentlich völlig fremd. Anscheinend werde ich alt.

Ich habe mich dann sehr gefreut, dass die junge Frau das Angebot das Hotelzimmer zu teilen angenommen hat und wir so den Abend in Cee in einem guten Fischrestaurant ausklingen haben lassen.

2017-05-15, Spanien, Cee‘ 43 km